Wildkräuter statt Blumen, Acker statt Andenken: Die Gräber von 128 Zwangsarbeitern in Welper

Schätzungen gehen davon aus, dass während des Zweiten Weltkrieges insgesamt acht  bis zehn Millionen ausländische Arbeiterinnen und Arbeiter im Deutschen Reich eingesetzt waren. Für Hattingen ist im Zeitraum von 1939 bis 1945 von über 10.000 ausländischen Arbeitern auszugehen (1). Ende des Zweiten Weltkrieges war demnach jeder Vierte Hattinger ein Ausländer! Kaum ein Friedhof in Hattingen, auf dem nicht Gräber der insgesamt 356 in Hattingen verstorbenen Zwangsarbeiter zu finden sind.

Hinten: der Gedenkstein, vorne die ungepflegten Grabparzellen. Foto: LRF/HAT

Hinten: der Gedenkstein, vorne die ungepflegten Grabparzellen. Foto: LRF/HAT

Allein auf dem Kommunalfriedhof in Welper wurden 122 sowjetische sowie 3 deutsche, 1 holländischer, 1 jugoslawischer und 1 polnischer Zwangsarbeiter beigesetzt. Am Ostersamstag habe ich den Friedhof besucht – und war entsetzt, in welch unwürdigem Zustand sich das dortige Kriegsgräberfeld befindet. Sehen Sie selbst:

War das Gräberfeld oberhalb der Ruhr in den letzten Jahren durchaus  gepflegt, präsentiert es sich Mitte April 2020 als wilder Acker – ohne Bepflanzung, voller Wildkräuter, teilweise mit mehr als 40 Zentimeter tiefen Löchern im Boden. Das wird nicht der Rest der Winterbepflanzung gewesen sein…

Das erste Gräberfeld im Juni 1945 auf dem Kommunalfriedhof Welper. Quelle: DE ITS 5.3.5 6.23 Arolsen Archives, 2019 

Das erste Gräberfeld im Juni 1945 auf dem Kommunalfriedhof Welper. Quelle: DE ITS 5.3.5 6.23 Arolsen Archives, 2019

In Hattingen verabschiedete die Stadtverordnetenversammlung am 21. Juni 2000 eine Resolution, in der sich die Stadt Hattingen zu ihrer Geschichte und zur politischen Verantwortung im Hinblick auf die Beschäftigung von Zwangsarbeitern bekennt. Bei der Pflege der Grabstätte für ausländische Arbeiter, die während des Zweiten Weltkrieges in der Gemeinde Welper ums Leben gekommen sind, scheint sich die Stadt dieser Verpflichtung nicht (mehr?) bewusst zu sein.

Ungepflegte Grabstätte statt ehrendes Andenken: die Gräber ausländischer Arbeiter auf dem Kommunalfriedhof in Welper. Foto: LRF/HAT

Ungepflegte Grabstätte statt ehrendes Andenken: die Gräber ausländischer Arbeiter auf dem Kommunalfriedhof in Welper. Foto: LRF/HAT

Und wie die Gräber derzeit aussehen, verstößt die Stadt hier auch gegen das Gesetz über die Erhaltung der Gräber der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft (Gräbergesetz) vom 1. Juli 1965. Dieses dient, wie es in der Novellierung aus dem Jahr 2012 heißt, „dazu, der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft in besonderer Weise zu gedenken und für zukünftige Generationen die Erinnerung daran wach zu halten, welche schrecklichen Folgen Krieg und Gewaltherrschaft haben“. 75 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges gelingt dies – zumindest in Welper – auf keinen Fall.

Ich habe umgehend  die Stadt Hattingen um schnellstmögliche Abhilfe gebeten und den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V.  über den in meinen Augen unhaltbaren Zustand  informiert. Schon am Ostermontag hat sich Bürgermeister Dirk Glaser gemeldet – er will der Sache nachgehen!

Quelle:
(1) Thomas Weiß, Zwangsarbeit in Hattingen, Hattingen 2008

#MyInstagram zu Ostern

 

Plakativ, platt und reichlich unpassend

Aus der Hattinger Heimatzeitung am 3. Dezember 2019.

Aus der Hattinger Heimatzeitung am 3. Dezember 2019.

💶 Heute, am 3. Dezember 2019, geht es ab 15 Uhr bei den Etatberatungen im Hattinger Rathaus ums Geld, um die Zukunft und ums Klima. Alle derzeitigen und künftigen Bemühungen zum Klimaschutz in Hattingen sind zu begrüßen – im Großen wie im Kleinen. Wenn sinnvolle Klimaziele zügig umgesetzt werden, umso besser! Gut, dass SPD Hattingen und Grüne Hattingen dafür jetzt aufs Tempo drücken. Und wenn beim Etat 2020 zu Gunsten eines verbesserten Klimas umgeschichtet werden kann, darf und muss das so sein.

🏛 Wahrscheinlich ist der Antrag der CDU Hattingen, nächstes Jahr 20.000 Euro für Ehrenmale und Gedenkstätten bereitzustellen, angesichts dringenderer Probleme zu hoch gegriffen. Sicher wird man sachlich priorisieren können, welche Mahnmale vorrangig gesichert werden müssen, um die Hälfte der Summe fürs Klima umzuschichten. Die Restsumme ist vielleicht über Zuschüsse der Bezirksregierung zur Sanierung von Kriegergräbern zu bekommen. Oder von Sponsoren, die eher in den Denkmalschutz investieren als in Klimaschutz.

🗞 In diesem Zusammenhang zitiert Ulrich Laibacher in der WAZ Hattingen und Sprockhövel heute den Fraktionsvorsitzende der Hattinger SPD mit den Worten: „Wir sollten in die Zukunft denken, nicht in die Vergangenheit.“

👎 Ich finde, dass diese Formulierung – keine zwei Wochen nach Ende der zweiten Hattinger Gedenk- und Aktionswoche für Toleranz und Demokratie gegen das Vergessen – sehr plakativ, zu platt und reichlich unpassend.

🧐 Selbstverständlich müssen wir nach vorne schauen – nicht nur beim Klimaschutz. Aber erst der Blick in die Vergangenheit lässt uns die Gegenwart verstehen und die Zukunft gestalten! Die Erhaltung von Mahn- und Gedenkstätten muss eine Kommune vorurteilsfrei und ohne falsche Rücksichtnahme auf den Zeitgeist (sich) leisten – genau wie den Klimaschutz.

Abenteuerland DDR: Darf man einen Unrechtsstaat mögen?

Nachstehenden Beitrag hatte ich 2014 zum 25. Jahrestag des Mauerfall am 9. November 1989 geschrieben, aber ich highlighte ihn heute zum Jahrestag des Beitritts der Deutschen Demokratischen Republik zur Bundesrepublik Deutschland am 3. Oktober 1990 erneut.

Ich beschäftige mich schon lange mit der Frage, ob man den ostdeutschen Unrechtsstaat mögen durfte? Zum 25. Jahrestag des Mauerfalls habe ich meine Kindheitserinnerungen an das „Abenteuerland DDR“ niedergeschrieben und weiß, dass dies Diskussionsstoff birgt.

Vor dem Interhotel Newa auf der Prager Straße: Lars und Erika Friedrich. Foto: Kurt Friedrich

Vor dem Interhotel Newa auf der Prager Straße: Lars und Erika Friedrich. Foto: Kurt Friedrich

„Liebe Landsleute, wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise…“ Der berühmte Satz, den der damalige Bundesaußenminister und Vizekanzler Hans-Dietrich Genscher am Abend des 30. September 1989 um 18.58 Uhr vom Balkon der westdeutschen Botschaft in Prag vor 4.000 ausreisewilligen DDR-Flüchtlingen sagte, verursacht mir heute noch Gänsehaut. Wenig später, am 9. November, wird die Öffnung aller Berliner Grenzübergänge erzwungen – die Mauer fällt und nur ein knappes Jahr später, am 3. Oktober 1990, tritt die DDR dem Geltungsbereich des Grundgesetzes bei.

Meine Mutter (rechts) und ich mit den Freunden aus Borlas auf der Terrasse von Schloss Moritzburg. Foto: Kurt Friedrich

Meine Mutter (rechts) und ich mit den Freunden aus Borlas auf der Terrasse von Schloss Moritzburg. Foto: Kurt Friedrich

Ab Mitte der 1970er Jahre fuhren meine Eltern mit mir (Jahrgang 1968) nahezu jährlich auf Einladung lieber Freunde in die DDR – zunächst mit dem Interzonenzug bis Dresden und weiter mit der Regionalbahn bis zum Bahnhof Edle Krone im Tharandter Wald, später dann mit dem eigenen Pkw über die Transitautobahn gleich bis nach Borlas. Meine kindliche Erinnerung an diese Herbsturlaube in der Nähe von Dresden ist geprägt von abenteuerlichen Dingen: an das meist nächtliche Ausräumen unseres Autos vor meist schlecht gelaunten, aber immer bewaffneten Mitglieder der DDR-Grenztruppen im gleißenden Scheinwerferlicht am innerdeutschen Grenzübergang Herleshausen/ Wartha, an das langweilige Warten am Folgetag auf dem gebohnerten Flur der Meldestelle der Volkspolizei im Dippser Schloss auf den Stempel für die Aufenthaltsgenehmigung, an das Pumpsklo bei unseren Freunden in Borlas (Ortsbild oben), an das „platziert werden“ in fast leeren Restaurants oder an das bunte Plastikgeschirr in der Dresdner HO-Gaststätte „Am Zwinger, im Volksmund Fresswürfel genannt. Und ich weiß, dass ich nach der Zeit „drüben“ immer froh war, wieder daheim in Hattingen zu sein. Weiterlesen