Umbau Bahnhofstraße: Erhaltet die alten Straßenbahnschienen!

Besser erhalten statt herausnehmen: die Straßenbahnschienen auf der Bahnhofstraße. Foto: privat

Besser erhalten statt herausnehmen: die Straßenbahnschienen auf der Bahnhofstraße. Foto: privat

Die Bahnhofstraße in Hattingen ist eine meiner Lieblingsstraßen in Hattingen: Kaum ein Straßenzug dokumentiert so deutlich wie diese Verbindungsachse von der Altstadt zum Bahnhof die Entwicklung unserer Stadt. Hier im Quartier ist das „Raus aus der Enge“ der mittelalterlichen Stadt, das „Hin zu Natur und Ruhr“ und das „Weg in die Welt“ noch immer erlebbar. Wenn auf Grund des Stadtentwicklungskonzeptes 2030 in diesem Bestand neu gebaut werden soll, dürfen meiner Meinung nach die historischen Straßenbahnschienen von 1907 nicht verschwinden, sondern müssen erhalten bleiben  – nicht aus wissenschaftlichem, technischen oder künstlerischem Grund, sondern wegen ihrer Bedeutung für die Geschichte von Wirtschaft und Verkehr und weil sie seit über einem Jahrhundert milieugeprägter Bestandteil dieses Straßenzuges sind. Außerdem scheint es wirtschaftlich nicht vertretbar, die original Schienen zu entfernen und durch Abbildungen im Pflaster aus fremdem Material nachzubilden.

Die Straßenbahn-Ausweiche vor dem Amtsgericht. Foto: Sammlung Jürgen Schröder/Hattingen

Die Straßenbahn-Ausweiche vor dem Amtsgericht. Foto: Sammlung Jürgen Schröder/Hattingen

Eines der Ziele des Hattinger Stadtentwicklungskonzeptes ist es, aus der Bahnhofstraße ein „attraktives Wohn-, Dienstleistungs- bzw. Arbeitsviertel als Auftakt in die Innenstadt unter Anknüpfung an die historische Bedeutung dieser Straße“ zu machen. „Dazu gehören wohnungsnahe Arbeitsplätze, Einkaufsmöglichkeiten für den Alltagsbedarf erreichbar auch für Ältere, eventuell ergänzt durch mobile Versorgungseinheiten sowie der Zuschnitt von Kinderbetreuungsangeboten auf die Bedarfe von berufstätigen Vätern und Müttern.“ So weit, so schön.

Dass bei der Umgestaltung der Bahnhofstraße, die wahlweise den Ruhrtalradwegradlern ein „Wegweiser“ in die Stadt oder der Altstadt ein „Tor zur Ruhr“ werden soll, auch die Straßenbahnschieben verschwinden, finde ich nicht richtig – zumal man diese heutzutage bei einem Umbau des Straßenprofils durch Verfüllung durchaus bündig in die neue Oberfläche einbinden und so auch für die Nachwelt erhalten kann.

Der Beginn der Bahnhofstraße vor dem Bau der Westtangente: rechts Haus Waskönig, in der Bildmitte die Druckerei Enßen am Standort der ehemaligen Synagoge. Foto: Jürgen Schröder/Hattingen

Der Beginn der Bahnhofstraße vor dem Bau der Westtangente: rechts Haus Waskönig, in der Bildmitte die Druckerei Enßen am Standort der ehemaligen Synagoge. Foto: Jürgen Schröder/Hattingen

Die Geschichte der Bahnhofstraße finde ich spannend:  Bereits im ausgehenden Mittelalter war die am befestigten Weiltor beginnende Trasse als „Cliffer Kirchweg“ die westliche, außerstädtische Fortführung des Fernhandelsweges aus dem Bergischen kommend, den Erbschultheißenhof Cliff und die festen Häuser Weile und Baeckwerth streifend und über die Ruhr in Richtung Bochum und Münster führend. Der Wandel des 18. und 19. Jahrhunderts veränderte aber diese Trasse – klassizistische Villen und wilhelminische Bürgerhäuser entstanden und mit der Straßenbahn erhielt die innere Stadt um 1907 eine erste, dauerhafte Anbindung in die Ferne. Die breiten Bürgersteige und Baumreihen verliehen der Bahnhofstraße in weiten Teilen Alleecharakter und wer hier verkehrte, zählte wohl zum Hattinger Großbürgertum. So wurden im „Westfälischen Hof“ zur Einweihung der Eisenbahnlinie im Ruhrtal im Dezember 1869 beispielsweise Austern, Schildkrötensuppe, Zunge und Pute in Gelee gereicht – sicher kein Essen der Arbeiterklasse.

Fast das Ende der Bahnhofstraße: "Haus Burgeck" auf der linken und die "Copacabana" auf der rechten Bildseite. Foto: Jürgen Schröder/Hattingen

Fast das Ende der Bahnhofstraße: „Haus Burgeck“ auf der linken und die „Copacabana“ auf der rechten Bildseite. Foto: Jürgen Schröder/Hattingen

Gemeinsam mit dem Heimatverein möchte ich mich dafür einsetzen, dass dies hochrepräsentative Straße auf der einen Seite mehr Aufenthaltsqualität erhält, andererseits aber auch der stadtgeschichtliche Aspekt nicht unter noch mehr neuem Parkraum verschwindet. Vielleicht schaffen wir es auch als Verein, in unserem Museum im Bügeleisenhaus (MiBEH) die Stadtteilgeschichte zwischen Weiltor und Ruhrbrücke in Form einer neuerlichen Ausstellung lebendig werden zu lassen – 1999 hatte eine Schau zu diesem Thema bei uns am Haldenplatz recht viele Besucher angelockt.

Hier noch einige besonders charakteristische Gebäude entlang der Bahnhofstraße, die nun also eine Aufwertung als historische Zugangsstraße zur mittelalterlichen denkmalgeschützten Altstadt erfahren soll:

1: Eisenwaren Waskönig (1908-1980)
6: Zahnarzt Markes (Abriss 1976)
7: Gaststätte Westfälischer Hof
7a: Central-Theater (1920 als Kino gestartet, 2010 geschlossen)
8: Israelitische Volksschule und Synagoge (bis 1938), danach Druckerei Enßen (Abriss 1976)
9: Amtsgericht (Altbau 1847, Neubau 1964) und Kiosk Aretz
10: Hattinger Volkszeitung, Sparkasse Unterstadt (bis 1964), VHS (Abriss 1976)
11: Pfarrkirche St. Peter und Paul (Baujahr 1868–1870)
12: Ruhr Anzeiger (Abriss 1976)
14: Postamt (1890 erbaut)
19: Weiltor-Schule (1866 errichtet)
20: Städtische Sparkasse (1910-1930), später HJ-Zentrale, Verkehrsverein, Stadtarchiv
21: Katholisches Gemeindehaus (seit 1964), ehemals Wohnhaus der Familie Weygand (1830 erbaut)
23: Repräsentationsvilla Weygand (1910 erbaut), Caritas (seit 1983)
23a: Kino „Edison-Theater“ (1908), kath. Kindergarten (Neubau 1965)
25: „Dr. Reinbachsches Haus“ (Krankenhaus von 1880( 1886-1929 als Kreishaus genutzt,  Turmanbau 1913
31b: Reichsbank-Nebenstelle (1902-1908), Sparkasse (1939-1959), Haus der Jugend (seit 1969)
37-39: Hotel Brockhaus (1878), Finanzamt (1951-1968), 1985: Neubau
43: Haus der Hattinger Bank (1906 von Friederich Hethey gegründet), Metzgerei Paul Schulte (ab 1908)
43c: Arbeitsamt und Bergrevier (1929 als Märkische Straße 4), Wohnhaus von Marie-Luise Marjahns Adoptiveltern
51: Reichsbank (1908)
64: Tankstelle
65: Kolonialwaren Müller (ab 1908), 1992 abgerissen
73: „Restauration Brockhaus“ (1875), „Bahnhofhotel“ (ab 1905), „Copacabana“ (1963)
78: „Restaurant Zur Eisenbahn“ (1906), „Zum Burgeck“ (1936), nach 2003 abgerissen
79: Bahnhof (1860-1870 erbaut), 1987 Schließung des Fahrkartenschalters, Bahnhofsgaststätte ab 1879

Die Bahnhofstraße kurz vor der Abbiegung Richtung Baak - rechts hinten im Bild: Haus Burgeck. Foto: Sammlung Jürgen Schröder/Hattingen

Die Bahnhofstraße kurz vor der Abbiegung Richtung Baak – rechts hinten im Bild: Haus Burgeck. Foto: Sammlung Jürgen Schröder/Hattingen

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3 Gedanken zu “Umbau Bahnhofstraße: Erhaltet die alten Straßenbahnschienen!

  1. Nach meinem Wisse wurde das Haus Bahnhofstraße 36 von den Tuchhändlern gebr. Bredenbräuker als Doppelhaus 36/28 erbaut und ab 1929 als Wohnhaus genutzt; später war dort auch die Buchdruckerei Ballmann untergebracht, der Kisok wurde Mitte der 1950er Jahre von Dieter Wilms betrieben. Mehr weiß ich leider auch nicht zu diesem Haus…

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