Aktion 14f13: Warum Mayerling auch einen Stolperstein braucht

Im niederösterreichischen Mayerling beten Karmel-Schwestern für Sissis Sohn, Kronprinz Rudolf, der dort 1889 starb. In Mayerling wirkte aber auch bis zu seiner Verhaftung und Vergasung in der NS-Tötungsanstalt Hartheim 1942 der katholische Kaplan Friedrich Karas. Auch an ihn sollte in Mayerling erinnert werden.

Friedrich Karas wurde 1942 Opfer der Euthanasieaktion "14f13". Foto: Wiener Stadt- und Landesarchiv

Friedrich Karas wurde 1942 Opfer der Euthanasieaktion „14f13“. Fotoserie aus der Erkennungsdienstlichen Kartei der Gestapo Wien/Wiener Stadt- und Landesarchiv

Fast 70 Jahre nach Kriegsende sollte sich meiner Meinung nach die niederösterreichische Gemeinde Alland auch ihrer NS-Geschichte stellen: In der Teilgemeinde Mayerling sollte deswegen nicht nur an den dort verstorbenen Kronprinzen Rudolf von Österreich erinnert werden, sondern auch an den Geistlichen Rektor der dortigen Karmelkirche, Friedrich Karas, der 1942 im Rahmen der so genannten „Aktion 14f13“ im oberösterreichischen Schloss Hartenstein ermordet wurde. Ich möchte erreichen, dass schon bald ein Stolperstein  –  ein zehn mal zehn Zentimeter großer Bodenstein mit gravierter Messingplatte  – des deutschen Künstlers Gunter Demnig vor dem Karmelitinnenkloster in Mayerling an den Geistlichen erinnert, der hier wirkte.  Er war der erste Priester unter den Anfang 1942 im Invalidenblock des KZ Dachau abgesonderten kranken Häftlingen, der im Rahmen des Euthanasieprogrammes abtransportiert und in der NS-Tötungsanstalt Hartheim bei Alkoven in der Nähe von Linz, Oberösterreich, vergast wurde(1).

Anfang Juni 2014 verlegte Gunter Demnig in Hattingen/Ruhr acht Stolpersteine. Foto: Lars Friedrich

Anfang Juni 2014 verlegte Gunter Demnig in Hattingen/Ruhr acht Stolpersteine. Foto: Lars Friedrich

2014 ist in Mayerling in Niederösterreich ein Jubiläumsjahr, denn vor 125 Jahren hat Kaiser Franz Joseph I. das dortige Karmelitinnenkloster gestiftet. Freilich war der Anlass zur Klosterstiftung wenig zum jubeln: In Mayerling war am 30. Januar 1889 der einzige Sohn des österreich-ungarischen Kaisers und Königs und seiner Gattin Elisabeth, genannt Sisi, tot aufgefunden worden. Brisant: Neben dem verheirateten Erzherzog-Thronfolger fand man die Leiche seiner blutjungen Geliebten. Seither wird in Mayerling erinnert und gebetet: für die unglückliche Baroness Marie Alexandrine von Vetsera und den damaligen Hoffnungsträger der Doppelmonarchie, Rudolf von Österreich. Ab Oktober diesen Jahres soll ein modernes Besucherzentrum am Ort des Dramas von Mayerling dazu beitragen, diese geschichtsträchtige Stätte im Wienerwald als Ort des Gebetes zu erhalten. Ich unterstütze seit 1989 diesen Ansatz u.a. durch das Mayerling-Archiv, aber auch durch meine Bücher über Mayerling, die Dorfgeschichte und den Erzherzog-Thronfolger. Bei aller Sympathie für die Baroness und den Kronprinzen, deren Schicksal so eng mit der Ortsgeschichte verbunden ist, sollte in Mayerling nicht nur an die Opfer von 1889 erinnert werden. Ich wünsche mir, dass Mayerling auch zum Ort zeitgeschichtlichen Erinnerns wird und fordere einen Stolperstein für den 1941 dort verhafteten Geistlichen Rektor der Karmelkirche zum Heiligen Josef, den Priester Friedrich Karas.

Der Taufeintrag von Friedrich Karas.

Der Taufeintrag von Friedrich Karas.

Friedrich Ludwig Karas wurde am 29. Juli 1895 im 3. Wiener Gemeindebezirk Landstraße als Sohn des Lehrers Franz Karas (geb. 28.07.1863 in Korneuburg) und der Franziska Karas, geb. Blaziczek (geb. 22.02.1872 in Wien) geboren und am 12. August 1895 in der Pfarrkirche St. Rochus und Sebastian getauft. Er nahm als k.u.k. Leutnant am Ersten Weltkrieg teil und trat 1934 im Alter von 39 Jahren in das Wiener Priesterseminar im Alsergrund ein. Am 29. März 1939 erfolgte in St. Stephan in Wien seine Subdiakonatsweihe, so dass er ab dem 1. September 1939 als Administrator und Lokalprovisor in Gaubitsch in Niederösterreich wirken konnte. Dort wurde er am 9. Juli 1940 verhaftet und des Amtes enthoben. Vor dem Wiener Landesgericht folgte ein Prozess, an dessen Ende eine dreimonatige Haftstrafe gegen Karas wegen „Unsittlichkeit“ verhängt wurde.

Nach Verbüßen der Haftstrafe wirkte Karas zunächst vom 14. Oktober 1940 bis 30. April 1941 als Kaplan in Petronell-Carnuntum in Niederösterreich. Am 1. Mai 1941 erfolgte dann seine Berufung als Geistlicher Rektor nach Mayerling, wo er als Kirchenrektor der Karmelkirche zum Heiligen Josef wirkte. Doch bereits im Juni 1941 wurde Karas in Mayerling erneut verhaftet und vor Gericht gestellt, verurteilt und in den Pfarrerblock des nationalsozialistischen Konzentrationslagers in Dachau überstellt, vor er als Häftling 26545 am 30. Juni 1941 ankam. Als Haftart gaben die Behörden „Homosexualität“ an.

Das Jagdschloss Mayerling vor 1889 auf einer historischen Ansichtskarte. Bild: Sammlung Lars Friedrich

Das Jagdschloss Mayerling vor 1889 auf einer historischen Ansichtskarte. Bild: Sammlung Lars Friedrich

In Dachau wurde der Kaplan schließlich als „arbeitsunfähig“ eingestuft und am 26. Januar 1942 mit einem Invalidentransport in das oberösterreichische Schloss Hartheim überführt. Unmittelbar nach der Ankunft in der Euthanasieanstalt wurde er im Rahmen der so genannten „Sonderbehandlung 14f13“ in einer Gaskammer ermordet. Seine Leiche wurde verbrannt, eine Grabstätte ist nicht bekannt, aber wahrscheinlich wurde seine Asche zwischen Brandstatt und Wilhering auf der Höhe der Ortschaft Gstocket (Gemeinde Alkoven) in die Donau geschüttet (2). Als Todestag wird der 26. Januar 1942 angegeben, nach ande­rer Quelle der 28. März 1942 (3). Insgesamt ermordete man in Hartheim im Rahmen dieser Euthanasieaktion 310 polnische, sieben deutsche, sechs tschechische, vier luxemburgische, drei niederländische und zwei belgische Priester.

Der Kölner Künstler Gunter Demnig  erinnert an die Opfer der NS-Zeit, indem er vor ihrem letzten selbstgewählten Wohnort Gedenktafeln aus Messing ins Trottoir einlässt. Bis April 2014 hatte Gunter Demnig über 45.000 Steine in 750 Städten und Gemeinden in Deutschland und anderen europäischen Ländern verlegt. Vor kurzer Zeit traf ich Demnig bei einer Verlegaktion bei mir zu Hause in Hattingen/Ruhr. „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist“, zitiert Gunter Demnig den Talmud. Und mit den Steinen vor den Häusern will Demnig die Erinnerung an die Menschen lebendig halten, die hier einst wohnten, lebten und arbeiteten. Genau aus diesen Gründen übernehmen ich gerne die Patenschaft für einen Stolperstein für Friedrich Karas in Mayerling, dem dann dritten Verlegort für österreichische Stolpersteine nach Salzburg und Braunau. Eine Verlegung, so das Büro von Gunter Demnig, könnte schon 2015 erfolgen. Zwischenzeitlich habe ich meine Idee der Mutter Oberin des Karmelitinnen-Klosters, dem Bürgermeister von Alland sowie dem Rektor der Hochschule Heiligenkreuz mitgeteilt. Ich bin sehr gespannt, welche Rückmeldungen ist erhalte.

 

Einer der neuen Stolpersteine in Hattingen am Tag der Verlegung. In der Ruhrgebietsstadt gibt es nun bereits 19 Stolpersteine. Foto: Lars Friedrich

Einer der neuen Stolpersteine in Hattingen am Tag der Verlegung. In der Ruhrgebietsstadt gibt es nun bereits 19 Stolpersteine. Foto: Lars Friedrich

(1) Zitat übernommen am 18.06.2014 von http://www.weltkriegsopfer.de/Krieg-Opfer-Friedrich-Karas_Soldaten_0_839384.html
(2) Zitat übernommen am 18.06.2014 von http://www.deathcamps.org/euthanasia/hartheim_d.html
(3) Mikrut, Jan, Blut­zeu­gen des Glau­bens, Mar­ty­ro­lo­gium des 20. Jahr­hun­derts, Bd 1, S141ff

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