Darf Kunst statt teuer und kantig auch preiswert und gefällig sein?

Akzeptierter Perlonvorhang für 850 Euro kontra diskutierter Stahlbogen für 100.000 Euro: Darf Kunst im öffentlichen Raum statt teuer und kantig auch preiswert und gefällig daherkommen?

1999 hatte Agustí Roqué (Jahrgang 1942) seinen Stadttor-Entwurf für den Steinhagenplatz entwickelt; die Realisation des wuchtigen Stahlbogens am Weiltorplatz scheitert voraussichtlich am ungeeigneten Untergrund, der eine Befestigung nicht zulässt. Bild: Agustí Roqué

1999 hatte Agustí Roqué (Jahrgang 1942) seinen Stadttor-Entwurf für den Steinhagenplatz entwickelt; die Realisation des wuchtigen Stahlbogens am Weiltorplatz scheitert voraussichtlich am ungeeigneten Untergrund, der eine Befestigung nicht zulässt. Bild: Agustí Roqué

Über dem Weiltorplatz schwebt wohl noch bis zum Wochenende die Vision von Holger Vockert und Thomas Weiser, wie der noch nicht durch ein Kunstwerk hervorgehobene Platz nahe dem historischen Stadttor künstlerisch belebt werden kann. 850 Euro haben sich private Sponsoren den roten Perlonvorhang kosten lassen und noch aus dem Sommerurlaub hat Bürgermeisterin Dagmar Goch die Pressestelle der Stadt beauftragt, in einer Medienaussendung den beiden Bauherren zu ihrer Idee (ich vermeide aus privater Begeisterung für das Projekt hier mal die in Hattingen gerne genutzte Phrase T(h)orheit) zu gratulieren. Und während Teile der Bevölkerung im medialen Sommerloch die von Claus Jürgen Barteczko filmisch aufbereitete Aktion zur künstlerischen Gestaltung des 5. Stadttores (Steinhagentor, Bruchtor, Heggertor und Holschentor sind ja bereits mit Kunst bestückt und können z.B. bei einem geführten Stadtrundgang des Heimatvereins erläutert werden) durchaus positiv diskutieren, frage ich mich: Wie kommen wir aus der Nummer wieder raus?

Vockert/Weiser haben bewiesen: Für wenig Geld kann durch heimische Kulturschaffende etwas realisiert werden, was bei der breiten Bevölkerung auf Zustimmung stößt. Warum also sollte die Sparkassen-Stiftung jetzt noch viel Geld an einen auswärtigen Künstler für ein Kunstwerk zahlen, dessen bauliche Umsetzung auf ebenso tönernen Füßen steht wie seine Akzeptanz in der Bürgerschaft? Vockert/Weiser fordern mit ihrer bemerkenswerten Aktion zum Abwägen auf: Muss Kunst kosten und anecken, oder darf Kunst auch preiswert und gefällig sein?

Am Ende sehe ich nur zwei Möglichkeiten, aus denen die Befürworter des fünften Hattinger Kunsttores wählen können: Entweder lässt man den bereits mit einem abgespeckten Entwurf beauftragten katalanischen Künstler Agusti Roqué werkeln und stellt halbherzig am Beginn des künftigen Bahnhofstraßen-Boulevards eine künstlerische Notlösung hin. Oder man schaut sich nach einem heimischen Entwurf um, der gut für den Platz ist, der den Beifall jener Hattinger findet, die sich in die Kunstdiskussion einbringen, und der die Kasse der Investoren schont (ich bin mir sicher, die Sparkassen-Stiftung kann dann auch ohne Gesichtsverlust ihre Gelder anderen Denkmalschutz- oder Kulturprojekten zukommen lassen). Ich bin auf jeden Fall gespannt, welche Impulse uns eine offene und öffentliche Stadttor-Debatte noch bringen wird.

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2 Gedanken zu “Darf Kunst statt teuer und kantig auch preiswert und gefällig sein?

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