Auf der Jagd nach den letzten Fachwerkbalken vom Tilly-Haus

Lange vor der Weiltor-Kunstdebatte gab es schon einen Aufreger am Beginn der Kleinen- und Großen Weilstraße: Auf Betreiben einflussreicher Geschäftsleute wird ein denkmalgeschütztes Fachwerkhaus abgerissen. Als es an anderer Stelle wieder aufgebaut werden soll, sind die Balken verschwunden. Aber wohl nicht ganz, wie meine Recherche gezeigt hat.

Eine der ältesten Fotografien des Trarbacher Hofes aus dem Jahr 1909. Bild: Albert Ludorff

Eine der ältesten Fotografien des Trarbacher Hofes aus dem Jahr 1909. Bild: Albert Ludorff

Heinrich Lehthaus war verstimmt: Schon am 25. Oktober hatte er der Hattinger Stadtverwaltung mitgeteilt, dass er ein über 350 Jahre altes Gebäude in der Altstadt kaufen, restaurieren und als Gastwirtschaft nutzen wollte. Niemand hatte ihm gesagt, dass im Rathaus zu diesem Zeitpunkt hinter verschlossenen Türen bereits der Abbruch des Hauses beschlossen war. Das wurde dem Wirt erst Mitte März des folgenden Jahres mitgeteilt – und zu allem Verdruss musste er noch erfahren, dass die Stadt Grund und Boden einer alteingesessenen Kaufmannsfamilie im Tausch für ein innerstädtisches Grundstück anbieten wollte…

Verkauf mit Bedauern abgelehnt. Repro: Sammlung Lars Friedrich

Verkauf mit Bedauern abgelehnt. Repro: Sammlung Lars Friedrich

Die Rede ist von dem um 1590 errichteten Haus Kleine Weilstraße 2, das man in Hattingen als „Trarbacher Hof“ oder „Tilly-Haus“ kannte. Tatsächlich wurde das seit 1909 denkmalgeschützte Fachwerkhaus unter dem Vorwand, „ein Verkehrshindernis erster Ordnung“ zu sein, ab dem 22. November 1954 von der Baufirma des Stadtverordneten Hans Papenhoff abgerissen, um die Kleine Weilstraße zu begradigen und um Platz für den Neubau eines Wohn- und Geschäftshauses der Familie Schepmann zu schaffen.

Ob der Feldherr der Katholischen Liga, Johann ’t Serclaes Graf von Tilly (1559-1632),  wirklich im Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) im „Trarbacher Hof“ vor dem Weiltor gewohnt hat, ist geschichtlich nicht bewiesen. Von 1416 bis 1630 war das protestantische Hattingen aber infolge des jülich-klevischen Erbfolgestreites fast durchgängig von katholischen Truppen  besetzt und auch Tillys Reiter lagerten in Hattingen. „1625 hat Monseur Tilly hier Quartier genommen“, zitierte Hans Michels 1969 aus Hattinger Kirchenbüchern.

Doch es geht hier nicht um ein lokales Denkmal für den umstrittenen Heerführer, den die katholische Seite als »Heiligen im Harnisch« in Altötting beisetzte, während die antikaiserlichen Kreise ihn als Mordbrenner von Magdeburg beschimpften (1). Es geht mir darum zu zeigen, wie sorglos in den Nachkriegsjahren mit der einst größten mittelalterlichen „ehrbaren Herberge“ der Stadt Hattingen umgegangen wurde, die 1832 wegen ihrer historischen Bedeutung im Urkatester der Stadt die Parzellennummer 1 erhielt und die in einer Anzeigenwerbung des Gastwirts Carl Scheer (er hatte die Immobilie 1918 von Walter Meuser übernommen) in der Hattinger Zeitung  1932 als „das Haus der Altertümer und Kunstschätze“ gepriesen wurde.

Der Trarbacher Hof. Foto: Heimatverein Hattingen/Ruhr

Der Trarbacher Hof. Foto: Heimatverein Hattingen/Ruhr

Der Reihe nach: Über den Abbruch des  „Trarbacher Hofes“, der die Weltkriegsbomben auf diesen Teil der Altstadt mit leichten Blessuren des Dachstuhles überstanden hatte und der Anfang der 1950er Jahre von der Velberter Zassenhaus-Brauerei an die Stadt Hattingen verkauft wurde, war schon früh hinter vorgehaltener Hand gemunkelt worden. Die Ruhr-Nachrichten stellten bereits 1950 die Frage, warum der aus dem 18. Jahrhundert stammende Turm der zerbombten Johanniskirche wieder aufgebaut, das historische Tilly-Haus aber der Spitzhacke geopfert werden sollte? 1952 hieß es, statt Abbruch komme für den „Trarbacher Hof“ die Sanierung und eine Fortführung als Gastwirtschaft in Frage, zumal sich mit Heinrich Lehthaus ein heimischer Käufer für die Immobilie gefunden hatte und auch der westfälische Landeskonservator „für die Instandsetzung, hauptsächlich des Äußeren, eine Landesbeihilfe“ in Aussicht stellte. 1954 dann wieder eine Wende: Abriss und Wiederaufbau auf dem Flachsmarkt, nachdem die letzten Bewohner – Obdachlose – die heruntergekommene Immobilie verlassen hatten. Warum dieses Hin und Her? Spekuliert wurde damals, dass der finanzkräftige neue Pächter des „Lindenhofes“ an der Heggerstraße sowie andere Innenstadt- Gastronomen Druck auf die Stadt ausübten, damit keine neue Konkurrenz mit Schanklizenz an der Kleinen Weilstraße entstehe.

Aus dem Wiederaufbau des Trarbacher Hofes an andere Stelle wurde jedoch nichts. „Die noch gut erhaltenen Eckständer, Schellen und Riegel wurden vom Landesdenkmalamt registriert und zum Bauhof der Stadt geschafft. Als im nächsten Jahr mit dem Wiederaufbau begonnen werden sollte, war das gesamte Holzwerk verschwunden“, behauptete Kreisheimatforscher Heinrich Eversberg 1985. Ganz so stimmt das nicht: Nach den Akten des Westfälischen Landesmuseums für Volkskunde in Detmold hatte die Volkskundliche Kommission des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) 1958 Fachwerkhölzer des abgebrochenen „Trarbacher Hofes“ übernommen, um sie in einem zukünftigen Freilichtmuseum zu verwenden. Dr. Heinrich Stiewe vom Sachbereich Dokumentation und Bibliothek des LWL-Freilichtmuseum Detmold berichtet mir: „Die Bauteile wurden am 14. November 1958 mit einem LKW vom städtischen Bauhof in Hattingen abgeholt und nach Münster- Kinderhaus transportiert, wo der LWL einen Lagerplatz für künftige Museumsbauten unterhielt. Da es sich nur um Resthölzer der Fassaden des Hauses handelte, kam ein Wiederaufbau nicht in Frage und die Bauteile sollten als Reparaturhölzer beim Aufbau anderer Gebäude verwendet werden.“

Das LWL-Freilichtmuseum Detmold. Foto: LWL/Jähne

Das LWL-Freilichtmuseum Detmold. Foto: LWL/Jähne

Nachdem ich bereits 1996 in Detmold nach dem Verbleib dieser restlichen Hölzer angefragt, die Spur aber nicht weiter verfolgt hatte, hakte ich heute nochmals nach. Aber: Der Stapelplatz in Münster-Kinderhaus ist vor ca. 10 Jahren aufgelöst worden und die noch verwendbaren Bauteile kamen nach Detmold. Stiewe: „Hölzer aus Hattingen konnten dabei nicht identifiziert werden, daher ist unklar, wie viele Bauteile 1958 übernommen worden sind. Auch verzierte Bauteile oder Knaggen wurden nicht gefunden.“

Laut einem Vermerk von Oktober 1958 sollen Knaggen des Hauses „ins Museum gekommen“ sein, doch wird nicht gesagt, um welches Museum es sich handelt – das Freilichtmuseum in Detmold wurde erst zwei Jahre später gegründet. Ich gehe davon aus, dass das Museum des Heimatvereins im Alten Rathaus gemeint ist, denn mindestens zwei geschnitzte Stützbalken, so genannte Knaggen, befindet sich heute im Bestand des Stadtmuseums, das die Bestände des Heimatvereins als Schenkung übernommen hat. Der LWL: „Es ist nicht auszuschließen, dass sich unter der großen Menge von eingelagerten Ersatzbauteilen, die vom Stapelplatz Kinderhaus nach Detmold gebracht worden sind, noch Hölzer aus Hattingen befinden. Leider lassen sich die meisten dieser Bauhölzer aber keinen konkreten Gebäuden mehr zuordnen, da sie als Ersatzhölzer nicht gekennzeichnet worden sind.“

Der Standort des Trarbacher Hofes (Kleine Weilstraße 2) nach dem Abbruch des Fachwerkhauses um 1956. Im Bild: Die Häuser Kleine Weilstraße 1, 3, 5 und 7. Foto: F.W. Werth/Remagen in der Sammlung des Heimatvereins Hattingen/Ruhr e.V. - www.buegeleisenhaus.de

Der Standort des Trarbacher Hofes (Kleine Weilstraße 2) nach dem Abbruch des Fachwerkhauses um 1956. Im Bild: Die Häuser Kleine Weilstraße 1, 3, 5 und 7. Foto: F.W. Werth/Remagen in der Sammlung des Heimatvereins Hattingen/Ruhr e.V. – http://www.buegeleisenhaus.de

 

(1)  http://www.tilly-altoetting.de

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