Stahl und Moral auf der Hütte: Leben retten, Leben auslöschen

Am 1. September 1939 – morgen vor 75 Jahren – begann mit dem Überfall auf Polen der Zweite Weltkrieg. Er kostete in sechs Jahren knapp 60 Millionen Menschen das Leben. Noch bis zum 9. November blickt das LWL- Industriemuseum Hattingen in einer Sonderausstellung auf die Geschichte der Hütte als Rüstungsbetrieb zurück. Moralische und technische Deutungen werden einander gegenüber gestellt. Als Ausstellungsobjekt habe ich dem Museum einen Metalllöffel zur Verfügung gestellt. Mein Vater hatte ihn in amerikanischer Gefangenschaft geschenkt bekommen.

Stahl rettet Leben, Stahl zerstört Leben - zwei Exponate der Ausstellung "Stahl und Moral" in Hattingen. Foto: Lars Friedrich

Stahl rettet Leben, Stahl zerstört Leben – zwei Exponate der Ausstellung „Stahl und Moral“ in Hattingen. Foto: Lars Friedrich

Mein Vater Kurt Friedrich (1926 – 2005) geriet zum Ende des Zweiten Weltkrieges in Frankreich in Kriegsgefangenschaft. Dem 19jährigen PG (Prisonnier de Guerre) schenkte in Bazancourt an der Marne ein US-Soldat einen Metalllöffel, so dass er wenigstens die dünne Wassersuppe halbwegs zivilisiert essen konnte (so hat er es erzählt). Dieser Löffel wird nun am Eingang zur Sonderausstellung „Stahl und Moral“ auf der Hütte gezeigt, wo mein Vater nach der Gefangenschaft als technischer Zeichner tätig war.

Direkt neben dem lebensrettenden Löffel steht eine Panzerplatte, die in Hattingen für das Schlachtschiff „Tirpitz“ hergestellt wurde. Das Schiff kenterte 1944 nach einem britischen Bombenangriff. „Die Exponate lösen meist beides aus: technische Faszination und moralische Fragen. Wir haben uns bewusst dafür entschieden, keine Antworten zu geben, denn die Perspektiven wechseln oder verändern sich: So ist Panzerstahl heute etwa ein gesuchtes Ausgangsprodukt für hochwertige Taschenmesser oder Werkzeuge“, erklärte Dr. Olaf Schmidt-Rutsch vom LWL-Industriemuseum bei der Vorstellung der Ausstellung. „Wir wollen Fragen aufwerfen, und die Gäste sollen mögliche Antworten selber finden.“

Geschütze in den Ruhrwiesen, zu sehen im LWL Museum Hattingen. Foto: Lars Friedrich

Geschütze in den Ruhrwiesen, zu sehen im LWL Museum Hattingen. Foto: Lars Friedrich

Die sehenswerte Ausstellung verfolgt die Geschichte der Rüstungsproduktion der Henrichshütte von den Anfängen über zwei verheerende Weltkriege bis in die Nachkriegszeit. Großexponate wie Panzer und Granaten zeichnen die Produktpalette der Henrichshütte nach. Großformatige Fotos, Zitate und viele Erinnerungsstücke ergänzen die Ausstellung. Dabei ist die Ausstellung von Gegensätzen geprägt: der aufragende Hochofen und die tiefen Luftschutzräume, Zwangsarbeiter und Werkschutz, Tod und Barmherzigkeit.

Auch das Museum im Bügeleisenhaus in Hattingen erinnert an die Kriege der vergangenen 150 Jahre und dokumentiert in einer Sonderausstellung die Kriegs- und Kriegerdenkmäler der Stadt Hattingen. Geöffnet hat die Ausstellung am Haldenplatz 1 noch bis zum 7. Dezember samstags und sonntags zwischen 15 und 18 Uhr und nach Vereinbarung.

Mehr zum Thema hier auf meinem Blog im Beitrag „Weltkriegsbeginn 1914: Dem Anlass gedacht, nicht der Opfer„.

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