Vor fast 60 Jahren sollte unser Ruhrtal im Stausee verschwinden

Derzeit diskutiert Hattingen die bis 2021 geplante Umsetzung einer EU-Wasserrahmenrichtlinie. Streitpunkt dabei ist die geplante Umgestaltung der Ruhr: Buchten sollen verschwinden, Wiesen zu Feuchtgebieten werden. Was heute kaum jemand mehr weiß: Vor knapp 60 Jahren sollte der Winzer Ruhrbogen schon einmal weitgehend im „Stausee Hattingen“ untergehen.

Für den Stausee Hattingen mit Kraftwerk, Wehr und Deichen wollte die Baundesbahn Gleise verlegen und die Stadt Straßen anheben. Rechts oben im Bild: der Anschluss an die verlegte Ruhr im Bereich der Henrichshütte.  Repro aus der Heimat am Mittag vom 19. April 1958.

Für den Stausee Hattingen mit Kraftwerk, Wehr und Deichen wollte die Bundesbahn Gleise verlegen und die Stadt Straßen anheben. Rechts oben im Bild: der Anschluss an die verlegte Ruhr im Bereich der Henrichshütte. Repro aus der Heimat am Mittag vom 19. April 1958.

Am 19. April 1958 vermeldete die Hattinger Heimatzeitung euphorisch:“Riesenprojekt wird verwirklicht“. Gemeint waren die von der Ruhrstahl AG geplante Ruhrverlegung und der Ruhrstausee bei Hattingen. Bis 1963 sollte das „größte Bauvorhaben (…) seit Jahrzehnten im Raum des Bochumer Südens“ umgesetzt werden und „auch für die Gestaltung der Freizeit der Stadtbewohner aus dem Raum Hattingen/Welper eröffnen sich neue Perspektiven“. Der Ruhrsee bei Hattingen war schon früher diskutiert worden, doch mit der Ruhrverlegung entlang der Hütte zur Vergrößerung des Firmengeländes waren die Pläne Mitte der 1950er Jahre wieder in die Diskussion gekommen.

Die Ruhr unterhalb der Isenburg. Foto: Lars Friedrich

Die Ruhr enterthalb der Isenburg. Foto: Lars Friedrich

Die Staufläche der Ruhr sollte über zwei Kilometer lang und bis zu 300 Meter Breit werden. „Der Staudamm des neuen Sees wird unterhalb des Gemeinschaftswerkes errichtet“, so die „Heimat am Mittag“ damals. „Mit dem Damm zugleich werden eine neue Wehranlage und ein Turbinenkraftwerk geschaffen.“ Da der See die Fließgeschwindigkeit der Ruhr im Hattinger Bereich reduziere, sollten sich die im Ruhrwasser vorhandenen Schwebestoffe besser absetzen und die Wasserqualität würde besser. „Bei verhältnismäßig geringer Tiefe bewirkt eine starke Durchsonnung und Sauerstoffaufnahme (…) eine Steigerung des biologischen Lebens im Ruhrwasser.“

Land unter an der Ruhr: In den 1950er Jahren drohte ein Stausee, jetzt droht die Renaturierung. Foto: Lars Friedrich

Land unter an der Ruhr: In den 1950er Jahren drohte ein Stausee, jetzt droht die Renaturierung. Foto: Lars Friedrich

Der Ruhrstausee unterhalb des Isenbergs schien in den 1950er Jahren dem Ruhrverband zwingend notwendig, um die Henrichshütte und den Ruhrkohlebezirk ausreichend mit Wasser zu versorgen. Wenn jetzt Anfang des 21. Jahrhunderts zwischen den Wehren in Hattingen und Dahlhausen die Ruhr auf einer Strecke von rund sieben Kilometern renaturiert und stellenweise auf bis zu 90 Metern verbreitert würde, entstünde unterhalb des Isenbergs eine überflutungsgeprägte Auenlandschaft – ähnlich dem vor rund 60 Jahren geplanten See. Warum dieser dann doch nicht gebaut wurde, weiß ich nicht – aber ich schaue mal, ob ich dazu noch etwas erfahren kann.

Die im Jahr 2000 verabschiedete Wasserrahmenrichtlinie verpflichtet die Mitgliedsstaaten der Europäischen Union, bis spätestens 2027 bei allen Binnen- und Küstengewässern einen guten ökologischen und chemischen Zustand zu erreichen – darüber hinaus auch einen guten chemischen und mengenmäßigen Zustand des Grundwassers. Im Bereich der gesamten Teileinzugsgebiete Lippe und Ruhr ist die Bezirksregierung Arnsberg nicht nur für die Bewilligung von Fördermitteln zuständig, sondern auch für die richtlinienkonforme, einheitliche Umsetzung der EU-Richtlinie. Als Geschäftsstelle koordiniert sie Fachgremien, sammelt und bewertet Arbeitsergebnisse und dokumentiert den Umsetzungsprozess. Arnsberg hat nach erster Kritik keimischer Umweltschützer zwischenzeitlich auch zugesagt, dass das von ihr beauftragte Büro die überarbeitete Planung in der Sitzung des Bau- Umwelt- und Verkehrsausschusses am 27. November 2014 ausführen wird. Wer sich über die aktuelle Renaturierungs-Diskussion informieren möchte, dem empfehle ich diesen WDR-Bericht.

Der Ruhrsee kam nicht, wohl aber 1959 die Ruhrverlegung 1959: Vom Schepmannschen Hof am rechten Ruhrufer (Westenfeld) bis zum Ruhrwehr wurde ein neues Flussbett ausgebaggert und der alte Ruhrbogen entlang der Hütte zugeschüttet. Natürlich wurde vor den Arbeiten von einem Taucher das Ruhrbett abgesucht, wie das heutige Bild bestens dokumentiert. Ab dem 1. November 1959 befand sich die Ruhr in ihrem neuen, etwa 1,5 Kilometer langen Bett. Der Fluss verkürzte sich dadurch um einige hundert Meter. Foto: Jürgen Schröder/Hattingen

Der Ruhrsee kam nicht, wohl aber 1959 die Ruhrverlegung 1959: Vom Schepmannschen Hof am rechten Ruhrufer (Westenfeld) bis zum Ruhrwehr wurde ein neues Flussbett ausgebaggert und der alte Ruhrbogen entlang der Hütte zugeschüttet. Natürlich wurde vor den Arbeiten von einem Taucher das Ruhrbett abgesucht, wie das heutige Bild bestens dokumentiert. Ab dem 1. November 1959 befand sich die Ruhr in ihrem neuen, etwa 1,5 Kilometer langen Bett. Der Fluss verkürzte sich dadurch um einige hundert Meter. Foto: Jürgen Schröder/Hattingen

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