„Es sieht so als, als ob uns ein Kulturkampf bevorsteht.“

Umspielt vom gold’nen Abendschein,
So liegst du da, mein Horkenstein,
Inmitten der begrünten Flur,
Du alter Wächter an der Ruhr.

Heinrich Kämpchen (1847-1912)

Unser "Horki". Foto: Lars Friedrich

Unser „Horki“. Foto: Lars Friedrich

Er wurde bedichtet, er wurde besungen, er wurde gemalt und er wurde zum Inhalt einer Sage: Der Horkenstein. Bis zu seinem Umzug an die Hattinger Bahnhofstraße 1876 lag der Steinriese in einem Eichenhain auf dem Grotenberg (heute: Winzerstraße) in der damals zum Amt Hattingen gehörenden Gemeinde Linden. 1984 zog er an den Reschop um. Lange wurde der erstmals um 1749 erwähnte Monolith als heidnischer Opferstein mit Blutrinne, als germanischer Kalenderstein oder als Menhir der Jungsteinzeit gedeutet. Heute neigen Experten zu der Einschätzung, dass dieses Naturdenkmal sein Aussehen dem gescheiterten Versuch verdankt, einen großen Stein zu zerkleinern. Als 1982 der VHS-Kursus „Geschichte von Linden-Dahlhausen“ die Stadt Hattingen offiziell bat, den Stein nach Bochum zurück holen zu dürfen, prognostizierte Stadtdirektor Hans-Jürgen Augstein: „Es sieht so als, als ob uns ein Kulturkampf bevorsteht.“ So weit kam es jedoch nicht…

Auf dem Grotenberg. Foto: Lars Friedrich

Auf dem Grotenberg. Foto: Lars Friedrich

Mein Blick zurück zeigt, welche volkskundlichen Interpretationen der Sandsteinkoloss bereits erfuhr. Wer mag, hört sich parallel bei Youtube den Kölner Schauspieler und Hörbuchsprecher Ernst-August Schepmann an, der einen Text von Walter Gantenberg über den Horkenstein spricht.

1674-1747
Renatus Andreas Kortum (1674-1747), von 1711 bis 1721 Pfarrer in Hattingen, erwähnt lt. Jägersberg in seinem Entwurf zu den „Antiqiates Hattnegenses“ einen Herchen- oder Gorgenstein; dies könnte das erste schriftliche Zeugnis zum Horkenstein sein. Nach Mia Gantenberg nennt er ihn „Herchen- oder Gerchenstein“.

1749
Johann Dietrich von Steinen berichtet in seiner „Westphälischen Geschichte“ vom sächsischen „Saufgott“ „Gurcho, Gurchio oder Gerchjo“, denn „von diesem Götzen ist noch der Gerchen- oder Herchenstein, bei Hattingen, und eine große Eiche daselbst, als Denkmal vorhanden“.

1800
H. Bödiker schreibt in „Wiegands Archiv für Geschichte und Alterthumskunde Westfalens“ vom Horkenstein als Herken- bzw. Herthastein.

1823
17.03.: Johann Carl Friedrich Petersen, Pfarrer aus Bochum-Weitmar, charakterisiert in seinem 1823 in Essen veröffentlichten Buch „Der Kirchsprengel Weitmar, oder über die Gegend, wo Hermann den Varus schlug“ den „Orkosstein“ als Blutaltar, auf dem die Germanen die bei der Varus-Schlacht gefangenen Römer opferten. Als Namensgeber mag Orkus fungiert haben, der griechisch-römische Gott der Unterwelt.

Frühe Steinzeichnung im Stadtarchiv Hattingen. Repro: Lars Friedrich

Frühe Steinzeichnung im Stadtarchiv Hattingen. Repro: Lars Friedrich

1825
Christian Gottfried Daniel Stein (1771 – 1830) erwähnt den Horkenstein in einer Ausgabe seines „Handbuchs der Geographie und Statistik für die gebil-deten Stände“: „Zwischen … (den Trümmern des Schlosses Rauendahl) und der Bauernschaft Winz (liegt) das kleine Gebüsch Horkenstein, wahrscheinlich einst Gurchostein; denn hier wurde Gurcho, der deutsche Bacchus verehrt, und sein Altar ist hier noch zu sehen.“

1827
Der Hattinger Richter Friedrich Rautert schreibt in seinem Buch „Die Ruhrfahrt“ über „Gurchos Stein“: „Im Altar selbst sind die Rinnen noch deutlich zu sehen, in welchen die geopferten Flüssigkeiten abflossen.“ Rautert folgt Stein und korrigiert Petersen dahingehend, als dass er die Germanen am Horkenstein nicht dem Unterweltgott Orkus, sondern dem Gott Gurcho verehren lässt. Mit Gurcho könnte Gurklius, auch Kurko, der Gott des Getreidesegens gemeint sein, ein Gott der Litauer oder der heidnischen Preußen.

1835
Auf einer bergamtlichen Mutungskarte ist als markante Stelle der Horkenstein eingetragen. Er liegt nordwestlich von Eggemann (später Gaststätte Kätker) im Grubenfeld Cöln (Raseneisenstein) in Bochum-Dahlhausen westlich der heutigen Winzer Straße.

1842
Levin Schücking (1814 – 1883), Freund der Annette von Droste-Hülshoff, schreibt in seinem gemeinsam mit Ferdinand Freiligrath (1810 – 1876) verfassten Reiseführer „Das malerische und romantische Westfalen“: „Man tut diesem alten Brocken wohl nicht zu sehr Unrecht, wenn man ihn für einen Opferstein unserer heidnischen Väter ausgibt und in den noch erkennbare Einkerbungen desselben die Rinnen erblickt für den Abfluss des Blutes, der Himmel weiß welcher hingeschlachteten Geschöpfe Gottes.“

1842
Samuel Christoph Wagener schreibt in seinem „Handbuch der vorzüglichsten, in Deutschland entdeckten Alterthümer aus heidnischer Zeit“ über den Stein: „Vielleicht hieß der Horkenstein, in einem Gebüsche bei der Mühle Weitmar, einst Gurchostein; denn hier wurde Gurcho, der deutsche Bacchus verehrt, und sein Altar ist noch jetzt zu sehen.“

1843
Johann M. Firmenich-Richartz (1808 – 1889) veröffentlicht in seinem Buch „Germaniens Völkerstimmen: Sammlung d. dt. Mundarten in Dichtungen, Sagen, Mährchen, Volksliedern“ das Gedicht „Dä Horkensteen bi Dahlhusen“

Eintrag in der Muttungskarte. Original: Archiv Gantenberg

Eintrag in der Muttungskarte. Original: Archiv Gantenberg

1848
L. V. Jüngst schreibt in seinem Buch „Die volksthümlichen Benennungen im Königreich Preußen“ über den Stein: „Die Vorberge der Ardei reichen bis Steele an der Ruhr, und es ist darin bei Baak im Kreise Bochum das kleine Thal Rauenthal bemerkenswert, wo man Spuren des altdeutschen Götterdienstes auffinden will und den Namen des Horkensteins, eines Gebüsches zwischen Baak und Winz, von Gurcho, dem nordischen Bacchus ableitet.“

1853
Caspar Brocksieper schreibt in seinem Buch „Das alte westphälische Sachsenland, die Ruine Hohensyburg a.d. Ruhr und der Heerführer Wittekind“ über den Monolithen: „Man zweifelt beim Anblick des Horkensteins nicht, dass er ein Opferaltar, wie auch die Sage verlautet, gewesen (ist).“

1876
Nach der Rodung des Eichenwaldes soll auf dem Grotenberg gebaut werden; der Horkenstein muss einem Ziegenstall Platz machen und wird einen Ab-hang hinunter gewälzt; dort soll er gesprengt werden. Friedrich Wilhelm Schumacher (Amtmann in Hattingen von 1874 – 1886) lässt im April den Horkenstein mit Zustimmung des Landbesitzers, dem Wirt und Holzhändler Heinrich Eggemann, und der zum Amt Hattingen gehörenden Gemeindevertretung auf einem mit angeblich 30 Pferden bespannten Wagen nach Hattingen bringen. Das dazu notwendige Hebegerät wurde auf der Henrichshütte entliehen. Baurat Pflüger weist ihm einen Platz im Amtsgarten an der Bahn-hofstraße zu – wie im Bild unten zu sehen ist.

1893
Der Mediziner Dr. Ferdinand Krüger (1843 – 1915) erzählt in seinem Buch „Hempelmanns Smiede. Ein westfälischer Roman aus der „guten alten Zeit“ in münsterländisch-niederdeutscher Sprache“ die Horkensteinsage nach.

1896
Gustav Jägersberg schreibt in seiner „Geschichte der Stadt und des Kreises Hattingen nebst Urkundenbuch“: „Auf diesem Horkenstein wurden die ge-fangenen Tribunen und Centurionen abgeschlachtet. Die Blutrinne ist sehr wohl erkennbar“

1909
Prof. Dr. Franz Darpe schreibt in seiner geschichtlichen Einleitung zu den „Bau- und Kunstdenkmälern des Kreises Hattingen“ über den Stein: „In der alten Linden-Dahlhauser Mark am Groten (des Großen Wodans) -Berge lag im Eichenwald in den Wiäckelten (Wahholdern oder im heiligen Eichenhain) der Herchen- oder Horkenstein, ein alter Opferstein, welcher jetzt am Amts-hause in Hattingen liegt; auch auf der Haar bei Hasenkamp in Stiepel und am heiligen Spring beim Isenberg liegt ein verwitterter Opferstein“.

Der Hockenstein

„Horki“ an der Bahnhofstraße. Foto: Stadtarchiv Hattingen

1909
In „Was die Ruhr mir sang“ veröffentlicht Heinrich Kämpchen (1847 – 1912) das Gedicht „Der Horkenstein“ und klagt „Leider ist der alte, sagenumwobene Steinreise lange schon von seiner ursprünglichen Lagerstatt in der Gemeinde Linden a. d. Ruhr entfernt worden. Er liegt jetzt, seiner historischen Bedeutung ganz entfremdet, in der Gartenanlage des Amtshauses zu Winz, nahe am Eingang desselben.“

1931
In Baedekers Reisehandbuch „Die Rheinlande von der elsässischen bis zur holländischen Grenze. Rheinpfalz und Saargebiet, Rhein. – Westfälisches Industriegebiet“ leist man über Hattingen: „Im Hof des Amtshauses der 3,5 m lange Sandsteinblock Horkenstein, vielleicht ein heidnischer Opferstein“.

1938
Bei der geplanten Umgestaltung des Amtsgartens soll der Horkenstein – von Süd nach Nord zeigend – unter einer Linde neu aufgestellt werden. Die Nationalsozialisten propagierten: „Möge der Horkenstein aber noch nach Jahrtausenden Zeuge germanischer Art sein, Mahner zur Einheit, Künder eines unbeirrbaren Willens und Kampfes (…).“

1974
27.08.: Eine Verordnung zur Sicherung von Naturdenkmälern nach dem Reichsnaturschutzgesetz nimmt den Horkenstein mit der laufenden Nummer 22 in die Liste von 59 schützenswerten Objekten im Kreis auf. Die Unter-schutzstellung ist heute noch gültig.

1982
Februar: Die Hattinger Stadtverordneten Kapust und Borgmann regen an, den Horkenstein nach dem damals geplanten Bau einer Tiefgarage in die Grünan-lage zwischen Rathaus und Sparkasse zu versetzen. Stadtverordneter Barthel schlägt vor, den Horkenstein nach einer Neugestaltung des Domplatzes nach Niederwenigern zu versetzen.

19.05.: Walter Gantenberg als Leiter des Bochumer VHS-Kurses „Geschichte von Linden-Dahlhausen“ bittet den Rat der Stadt Hattingen um Rückführung des Horkensteins

26.05.: Der Hattinger Stadtdirektor Hans-Jürgen Augstein (1925 – 2001) prognostiziert „Es sieht so als, als ob uns ein Kulturkampf bevorsteht.“

Umzug an den Reschop. Bild: Stadtarchiv Hattingen

Umzug an den Reschop. Bild: Stadtarchiv Hattingen

17.11.: Kreisheimatpfleger Dr. Heinrich Eversberg (1910 – 1996) stellt in einem Gutachten für die Stadt Hattingen fest: „Der Horken- oder Heidenstein ist das einzige Steindenkmal von hohem kulturgeschichtlichen Wert, das an der mittleren Ruhr im ehemaligen Gau Hatterun noch vorhanden ist. Es wurde von dem fränkischen Volksstamm der Hattuarier zu kultischen Zwecken aufgestellt.“ Der Kalender- oder Ortungsstein soll zwischen 18 vor und 480 nach Christus aufgestellt worden sein und dürfte den Sonnenuntergang vor dem Tag der Sommersonnenwende markiert haben. Eversberg schlägt vor, den Stein zwischen Rathausplatz und Mühlenwinkel im Bereich des „Haupthofes des Hofes von Hattingen“ aufzustellen.

08.12.: Der Kulturausschuss der Stadt Hattingen beschließt, dem Bochumer Wunsch nach einer Rückführung des Steines an seinen Ursprungsort in Linden-Dahlhausen nicht zu entsprechen, sondern diesen an eine repräsentative Stelle in Hattingen zu verlegen, die „seiner historischen Bedeutung gerecht wird“.

1984
Im April wird der Horkensteins an den alten Busbahnhof an die Martin-Luther-Straße/Ecke August-Bebel-Straße verlegt. Eine von der Sparkasse finanzierte Hinweistafel soll Geschichte und Alter des Steines erklären: „Der Horken- oder Heidenstein ist das einzige Steindenkmal von hohem kulturgeschichtlichen Wert, das an der mittleren Ruhr, im ehemaligen Gau Hatterun noch vorhanden ist. Es wurde von dem fränkischen Stamm der Hattuarier zu kultischen Zwecken aufgestellt. Die Aufstellung erfolgte wahrscheinlich vor 1500 bis 2000 Jahren. Der Stein ist kein Opferstein gewesen, es handelt sich vielmehr um einen sogenannten Kalenderstein.“

1996
Im Band 2 der Heimatkundlichen Schriften über das mittlere Ruhrtal und den Stadtbezirk Bochum-Südwest, „Über allem thronte der Horkenstein: heimat-kundliche Beiträge aus den Bochumer Stadtteilen Linden und Dahlhausen sowie dem mittleren Ruhrtal“ beschreibt Mia Gantenberg das Schicksal des Horkensteins. Für Prof. Wolfhard Schlosser (Bochum) ist der Horkensteins jedoch kein Kalenderstein, sondern – wie der „Opferstein von Melzingen“ – ein nicht aufgerichteter Figurenmenhir. Mit Bezug auf Jacob Grimm meint er, der Name leite sich von Hörgr, einem altnordischen Begriff für ein freiste-hendes Heiligtum, ab.

2007
Der Hattinger Künstler Holger Vockert platziert eine rote, liegende Figur auf dem Horkenstein, um den fast vergessenen Stein wieder in den Blickpunkt der Öffentlichkeit zu rücken.

2008
Dr. Fritz Mangartz vom Forschungsbereich Vulkanologie, Archäologie und Technikgeschichte des Römisch-Germanisches Zentralmuseum kommt zum den Schluss „Hier hat jemand versucht, den Stein zu zerteilen.“ Auf Basis dieser Expertenmeinung kommt auch Prof. Michael Baales, Leiter der Außenstelle Olpe der LWL-Archäologie für Westfalen, zu der Empfehlung: „Das Festhalten an einer anderweitigen Deutung halte ich für überflüssig.“

Kunst auf dem Stein. Foto: Stadtarchiv Hattingen

Kunst auf dem Stein. Foto: Stadtarchiv Hattingen

 

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Ein Gedanke zu “„Es sieht so als, als ob uns ein Kulturkampf bevorsteht.“

  1. Man kann theoretisieren, bis man blau im Gesicht wird, doch alles bleibt pure Spekulation, also vollkommen überflüssig.
    Man sollte das Objekt einfach nur als Stein sehen. Dahin ist der lächerliche Mythos.

    Gefällt 1 Person

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