Texte wie brennende Kohle: Vor 50 Jahren starb O. Wohlgemuth

Wer kennt heute noch August Heinrich Gustav Otto Wohlgemuth? Fast scheint es, als habe seine Heimatstadt den Arbeiter- und Heimatdichter vergessen:  Ein kurzer Weg an der Nordstraße und sein Ehrengrab auf dem Kommunalfriedhof an der Waldstraße erinnern noch an den Bergmann, über dessen Texte der Literatur-Nobelpreisträger Gerhard Hauptmann (1862-1946) gesagt haben soll, der Hattinger habe eine Ausdrucksform gefunden, in der „etwas lodere wie brennende Kohle“.

Beisetzung von Otto Wohlgemuth am Mittwoch, den 18. August 1965, auf dem Kommunalfriedhof an der Waldstraße. Foto: Heimatverein

Beisetzung von Otto Wohlgemuth am Mittwoch, den 18. August 1965, auf dem Kommunalfriedhof an der Waldstraße. Foto: Heimatverein

Am Samstag, 15. August 2015, erinnert der Heimatverein Hattingen öffentlich an sein Ehrenmitglied Otto Wohlgemuth, der vor 50 Jahren im Bügeleisenhaus am Haldenplatz verstarb: Um 11.30 Uhr lege ich in meiner Funktion als Vereinsvorsitzender zusammen mit Bürgermeisterin Dr. Dagmar Goch an Wohlgemuths Ehrengrab auf dem Kommunalfriedhof einen Kranz nieder – ehemalige Knappen im Bergkittel halten, wie schon bei seiner Beisetzung, die Ehrenwache. Die kurze Gedenkveranstaltung ist öffentlich, Gäste sind willkommen.

Otto Wohlgemuths Geburtshaus an der Langenberger Straße 5. Foto: Werth/Sammlung Heimatverein

Otto Wohlgemuths Geburtshaus an der Langenberger Straße 5. Foto: Werth/Sammlung Heimatverein

Otto Wohlgemuth wurde am 30. März 1884 als sechstes von 13 Kindern einer Bergarbeiterfamilie in einem nicht mehr existierenden Fachwerkhaus an der Langenberger Straße in Hattingen geboren. Er verlebte seine Kinder- und Volksschulzeit in ärmlichsten Verhältnissen in Hattingen. 1898 zog die Familie ins benachbarte Linden um, wo Otto die Volksschule abschloss und eine Lehre als Former in der Wolffschen Eisengießerei begann. Bereits 1900 brach er die Lehre ab, um im besser bezahlten Bergbau auf der Zeche Friedlicher Nachbar zu arbeiten. Dies wurde für ihn in vielerlei Hinsicht ein prägender Lebensabschnitt: Er begann, eigene Erlebnisse in Wort und Bild auszudrücken. Parallel zu seiner Arbeit unter Tage schulte Wohlgemuth autodidaktisch seine dichterischen und künstlerischen Talente. Dies erschienihm als die einzige Möglichkeit, aus seiner Stellung heraus Zugang zum Bürgertum zu finden. Entsprechend dem bürgerlichen Bildungsideal setzte er sich mit klassischer Musik, Theater, Literatur und den großen Meistern der Kunst auseinander.

Wohlgemuth im Bügeleisenhaus. Sein Lehnstuhl wird derzeit in der Bergbnau-Ausstellung gezeigt. Foto: Heimatverein

Wohlgemuth im Bügeleisenhaus. Sein Lehnstuhl wird derzeit in der Bergbnau-Ausstellung gezeigt. Foto: Heimatverein

Wohlgemuth arbeitete bis 1923 als Bergmann, nur kurz unterbrochen von einer Tätigkeit als Bürogehilfe. 1923 gab er den Beruf des Bergmanns endgültig auf und fand in Gelsenkirchen-Buer eine Anstellung als Bibliothekar in der Stadtbibliothek. Am 1. Juni 1929 wurde er offizieller Leiter der Volksbücherei Gelsenkirchen. Seine  umfassende und anstrengende Tätigkeit für die Bibliothek, in der er auch Vorträge, Lesungen und Kunstausstellungen organisierte,ließ seine literarische Tätigkeit  vorübergehend in den Hintergrund treten. 

Das dichterische Gesamtwerk Otto Wohlgemuths umfasst Prosa und Lyrik. Dabei überwiegt der Anteil der aus eigenen Erlebnissen entstandenen Bergmannsgedichte bei weitem. Anschaulich und zuweilen pathetisch beschrieb der Bergmann in seinen Gedichten und kurzen Erzählungen die Gefahren und extremen Arbeitsbedingungen, denen die unter Tage tätigen Männer Tag für Tag ausgesetzt waren. Wohlgemuth wusste seine Leser besonders dadurch zu beeindrucken, dass er die Sprache der Bergleute kannte und sprach.

Wohlgemuth (vorne rechts) mit Literatur-Freunden bei einem Altstadt-Bummel. Foto: Heimatverein

Wohlgemuth (vorne rechts) mit Literatur-Freunden bei einem Altstadt-Bummel. Foto: Heimatverein

Die Freundschaft zu dem Graphiker Hermann Käthelhöhn (1884-1940) beeinflusste den Künstler nicht nur in der Wahl seiner Bildthemen, sondern auch in der Wahl des gestalterischen Mediums. Wohlgemuth zog 1921 zu Käthelhöhn in die Kruppsche Siedlung ‘Margarethenhöhe’ und nutzte dort die Gelegenheit, sich in verschiedene druckgrafische Techniken einzuarbeiten. Die ‘vor Ort’ und ‘unter Tage’ gewonnenen Eindrücke bestimmten weitgehend die Themen der Gemälde und Zeichnungen seiner Hauptschaffensperiode in den 20er Jahren. Wohlgemuths Bestreben war es, “die einsame schwere Schönheit der unterirdischen Grubenlandschaft (…) der Allgemeinheit näher zu bringen”.

Im Jahre 1933 versetzte die national-sozialistische Stadtverwaltung Gelsenkirchens den Bibliothekar zwangsweise in den Ruhestand. Wohlgemuth verließ daraufhin das Ruhrgebiet, arrangierte sich jedoch bald mit den politischen Gegebenheiten und trat in die NSDAP ein. Im Auftrag der NS-Kulturgemeinde hielt er Lesungen und Vorträge im ganzen Reichsgebiet. Nach Kriegsbeginn hielt er zusätzlich Vorträge vor Soldaten, die er in Lazaretten besuchte. Dennoch wurde Otto Wohlgemuth 1942 aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen. Ein Jahr später duften auch seine Bücher nicht mehr verlegt werden.

Otto Wohlgemuth um  1964 im Bügeleisenhaus. Foto: Heimatverein

Otto Wohlgemuth um 1964 im Bügeleisenhaus. Foto: Heimatverein

Auch im Alter verfolgte Wohlgemuth weiterhin das Ziel, das Ansehen und die Berechtigung des “schreibenden Arbeiters” unter Beweis zu stellen. So verstärkte er zum Beispiel im Jahre 1949 seine Bemühungen um die Wiederaufnahme einer bergmännischen Anthologie. Als anerkannter Freund und Kollege wird Wohlgemuth auch von der nachkommenden Dichtergeneration, zum Beispiel von den Mitgliedern der späteren Dortmunder Gruppe 61, um Rat bei der Gründung einer Künstlervereinigung gebeten.

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Ehrengrab des „Dichters des Ruhrlandes“ auf dem Friedhof Waldstraße. Foto: Lars Friedrich

Nach vielen Jahren des Reisens kehrte Otto Wohlgemuth 1962 in seine Geburtsstadt Hattingen zurück, heiratete in dritter Ehe Marie Kunath und bezog zwei Wohnräume im Bügeleisenhaus am Haldenplatz 1, die ihm der Heimatverein Hattingen kostenfrei zur Verfügung gestellt hatte. Dort verstarb er nach längerer Krankheit am Sonntag, 15. August 1965.

In der aktuellen Ausstellung HATTINGEN UNTERTAGE im Museum im Bügeleisenhaus zeigt der Heimatverein Hattingen derzeit Ölbilder und Gedichte Wohlgemuths, und auch 2016 wird der letzte Bewohner des Fachwerkhauses am Hattinger Haldenplatz in der Jahresausstellung FACHWERK.1611 gewürdigt. Gleichzeitig hat der Heimatverein einen Text Wohlgemuths sowie dessen Grubenlampe als Hattinger Beiträge für die Ausstellung „200 Jahre Westfalen.Jetzt“ vom 8. August 2015 bis 28. Februar 2016 im Museum für Kunst- und Kulturgeschichte in Dortmund zur Verfügung gestellt.

Dieser Text ist entstanden unter Rückgriff auf einen Textbeitrag von Gudrun Schwarzer für die Ausstellung “Mein Leben lang bin ich Arbeiter gewesen…” , die vom 25. April bis 29. August 1999 im Museum im Bügeleisenhaus stattfand.

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