Abenteuerland DDR: Darf man einen Unrechtsstaat mögen?

Nachstehenden Beitrag habe ich vor einem Jahr zum 25. Jahrestag des Mauerfall am 9. November 1989 geschrieben, aber ich highlighte ihn heute zum 25. Jahrestag des Beitritts der Deutschen Demokratischen Republik zur Bundesrepublik Deutschland am 3. Oktober 1990 erneut.

Ich beschäftige mich schon lange mit der Frage, ob man den ostdeutschen Unrechtsstaat mögen durfte? Zum 25. Jahrestag des Mauerfalls habe ich meine Kindheitserinnerungen an das „Abenteuerland DDR“ niedergeschrieben und weiß, dass dies Diskussionsstoff birgt.

Vor dem Interhotel Newa auf der Prager Straße: Lars und Erika Friedrich. Foto: Kurt Friedrich

Vor dem Interhotel Newa auf der Prager Straße: Lars und Erika Friedrich. Foto: Kurt Friedrich

„Liebe Landsleute, wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise…“ Der berühmte Satz, den der damalige Bundesaußenminister und Vizekanzler Hans-Dietrich Genscher am Abend des 30. September 1989 um 18.58 Uhr vom Balkon der westdeutschen Botschaft in Prag vor 4.000 ausreisewilligen DDR-Flüchtlingen sagte, verursacht mir heute noch Gänsehaut. Wenig später, am 9. November, wird die Öffnung aller Berliner Grenzübergänge erzwungen – die Mauer fällt und nur ein knappes Jahr später, am 3. Oktober 1990, tritt die DDR dem Geltungsbereich des Grundgesetzes bei.

Meine Mutter (rechts) und ich mit den Freunden aus Borlas auf der Terrasse von Schloss Moritzburg. Foto: Kurt Friedrich

Meine Mutter (rechts) und ich mit den Freunden aus Borlas auf der Terrasse von Schloss Moritzburg. Foto: Kurt Friedrich

Ab Mitte der 1970er Jahre fuhren meine Eltern mit mir (Jahrgang 1968) nahezu jährlich auf Einladung lieber Freunde in die DDR – zunächst mit dem Interzonenzug bis Dresden und weiter mit der Regionalbahn bis zum Bahnhof Edle Krone im Tharandter Wald, später dann mit dem eigenen Pkw über die Transitautobahn gleich bis nach Borlas. Meine kindliche Erinnerung an diese Herbsturlaube in der Nähe von Dresden ist geprägt von abenteuerlichen Dingen: an das meist nächtliche Ausräumen unseres Autos vor meist schlecht gelaunten, aber immer bewaffneten Mitglieder der DDR-Grenztruppen im gleißenden Scheinwerferlicht am innerdeutschen Grenzübergang Herleshausen/ Wartha, an das langweilige Warten am Folgetag auf dem gebohnerten Flur der Meldestelle der Volkspolizei im Dippser Schloss auf den Stempel für die Aufenthaltsgenehmigung, an das Pumpsklo bei unseren Freunden in Borlas (Ortsbild oben), an das „platziert werden“ in fast leeren Restaurants oder an das bunte Plastikgeschirr in der Dresdner HO-Gaststätte „Am Zwinger, im Volksmund Fresswürfel genannt. Und ich weiß, dass ich nach der Zeit „drüben“ immer froh war, wieder daheim in Hattingen zu sein.

Meine Mutter und ich vor dem Pusteblumenbrunnen von Leonie Wirth und Vinzenz Wanitschke auf der Parger Straße in Dresden. Foto: Kurt Friedrich

Meine Mutter und ich vor dem Pusteblumenbrunnen von Leonie Wirth und Vinzenz Wanitschke auf der Parger Straße in Dresden. Foto: Kurt Friedrich

Immer wenn ich mich an die Herbstwoche in Sachsen erinnere, muss ich auch die Menschen denken, die uns in den 1980er Jahren zuwinkten, wenn wir mit unserem VW Santana über Pirna in die Sächsische Schweiz fuhren. Und mir fällt ein, dass uns bei einem Besuch in Karl-Marx-Stadt (heute wieder Chemnitz) das „D“-Schild vom Autoheck geklaut wurde – unsere Gastgeber hatten zum Glück ein neues (warum und woher eigentlich?). Ich schwelge in Erinnerungen an Besuche auf der damals menschenleeren Basteibrücke, an traumhaft schmeckende Eierschecke in der Dresdner Neustadt und Ausflüge nach Moritzburg, das ich schon damals aus dem „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel „- Film kannte.

In meinem Elternhaus finden sich heute noch zahlreiche Erinnerungen an die für mich als Kind immer wieder spannende Zeit in der DDR – jede Menge Bürsten (EVP 1,00 M), Seiffener Holzminiaturen, Dresdner Kasperle-Figuren und liebevoll gestaltete Kinderbücher höchster Qualität – irgendwie mussten wir den damaligen Mindestumtausch (ab 1980 mussten zwangsweise bei der Einreise 25,00 DM pro Person und Tag in DDR-Mark umgetauscht werden) ja wieder loswerden… Ein letztes Mal war ich im Herbst 1988 in der DDR.

Die Deutsche Demokratische Republik war ein Unrechtsstaat, in dem unzählige Male gegen geltendes Recht, gegen die eigene Verfassung und gegen die Menschenrechte verstoßen wurde. Ich bin froh, dass sich die Menschen der damaligen DDR ihren Weg in eine demokratische Freiheit erkämpft haben. Aber aus der Erinnerung meiner Kindheit heraus war die DDR schon spannend…

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