Hattingen gedenkt der Shoah העיר שלנו מנציחה את השואה

Wir alle wissen, dass das Leid, das Millionen Männern und Frauen zugefügt wurde,
nicht wieder gut gemacht werden kann. Die Überlebenden wollen,
dass ihr Leid
als Leid anerkannt und dass das Unrecht,
das ihnen angetan worden ist,
Unrecht genannt wird.
Johannes Rau
8. Bundespräsident Deutschlands

Detail vom jüdischen Friedhof an der Blankensteiner Straße. Foto: Lars Friedrich

Detail vom jüdischen Friedhof an der Blankensteiner Straße. Foto: Lars Friedrich

Am 9. November gedenkt die Welt der Shoah, dem zwischen 1941 und 1945 systematisch und mit industriellen Methoden durchgeführten Völkermord an bis zu 6,3 Millionen europäischen Juden in Nazideutschland. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 gab es im gesamten Reich gewaltsame Übergriffe auf jüdische Mitbürger und deren Eigentum. In Hattingen wurde die jüdische Synagoge an der Bahnhofstraße von den Nationalsozialisten niedergebrannt, jüdische Geschäfte und Wohnungen wurden geplündert. Bürgermeister Dirk Glaser wird aus diesem Anlass am Montag, 9. November 2015, um 17 Uhr am Synagogenplatz mit Vertreterinnen und Vertretern des Integrationsrates und des Moschee-Vereins einen Kranz niederlegen. Ich möchte heute daran erinnern, dass auch jüdischen Friedhöfe am 9. November geschändet wurden.

Die Mauer des alten jüdischen Friedhofes an der Alten Bismarckstraße. Foto: LRF

Die Mauer des alten jüdischen Friedhofes an der Alten Bismarckstraße. Foto: LRF

Der erste jüdische Friedhof in Hattingen wurde ab 1819 in einem Garten an der Nockenstraße, der heutigen Alten Bismarckstraße, angelegt. 1891 erhielt die Synagogengemeinde dann die Genehmigung zur Anlage eines neuen Begräbnisplatzes an der Blankensteiner Straße, auf dem am 21. Dezember 1894 die erste Beisetzung stattfand. Der alte Friedhof wurde nach dem letzten Begräbnis im Januar 1905 geschlossen. Als im August 1907 wegen Verbreiterung der Bismarckstraße die alte Fronteinfassung und der Toreingang des Begräbnisplatzes in die neue Fluchtlinie eingezogen werden sollten, gestattete die Synagogengemeinde entgegen dem strengen jüdischen Begräbnisritus, dass die ersten beiden Gräberreihen geöffnet und die dort Bestatteten zum neuen Friedhof an der Blankensteiner Straße umgebettet wurden.

Der jüdische Friedhof an der Blankensteiner Straße. Foto: LRF

Der jüdische Friedhof an der Blankensteiner Straße. Foto: LRF

1937 und 1938 wurden durch die Postdirektion Kaufangebote für die Synagoge und die ehemalige israelitische Schule sowie von der Deutschen Bank für den Friedhof an der Bismarckstraße abgegeben. Der Gemeindevorstand stimmte einem Verkauf grundsätzlich zu. Die Postdirektion trat zwar vom Kaufangebot zurück, der Verkauf des Friedhofs an die Deutsche Bank wurde hingegen am 14. Dezember 1938 notariell vollzogen. Die Deutsche Bank verpflichtete sich, „den Abtransport der Grabsteine zu dem neuen israelitischen Friedhof,… auf eigene Kosten vorzunehmen und auf dem neuen Friedhof an der Blankensteiner Straße wieder aufzustellen nach Weisung der israelitischen Gemeinde“. Dieser Verpflichtung kam die Deutsche Bank nur eingeschränkt nach. Die etwa 20 Grabsteine wurden zwar zum Friedhof Blankensteiner Straße gebracht, dort jedoch am Rondell lediglich auf einen Haufen gelegt. 1948 ließ die Stadt Hattingen diese Grabsteine des alten Friedhofes in einem würdigen Rahmen neu aufstellen. Die Rasenfläche des Friedhofes ist noch teilweise erhalten.

Grabsteindetail. Foto: LRF

Grabsteindetail. Foto: LRF

Bereits im Jahr 1930 kam es zu einer ersten Schändung des alten israelitischen Friedhofs an der Bismarckstraße, auf dem 14 Grabsteine umgestürzt und zertrümmert wurden. Und auch in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde der Friedhof, ebenso die neue Friedhof an der Blankensteiner Straße, geschändet. Nach dem Krieg übernahm die Stadt Hattingen die Wiederherstellung und Pflege des Begräbnisplatzes, doch erst im Dezember 1977 wurde der Friedhof im Auftrag der Stadt wiederhergestellt. Die bislang letzte Beisetzung fand 1981 statt. Die Urne eines ehemaligen Mitgliedes der Synagogengemeinde Hattingen, Else Adler, geb. Röttgen aus Linden, wurde aus England überführt und in der Familiengruft bestattet. Auf dem Friedhof befinden sich heute 62 Grabsteine.

Friedhof Blankenstein. Abbildung: Stadtarchiv Hattingen

Friedhof Blankenstein. Abbildung: Stadtarchiv Hattingen

Auch die Blankensteiner Juden verfügten ab 1850 auf Initiative von Meyer Blume am Kiepenkamp (Im Vogelsang) über einen eigenen Begräbnisplatz, der bis 1917 belegt wurde. Noch vor dem 2. Weltkrieg wurden die Grabsteine zum jüdischen Friedhof an der Blankensteiner Straße gebracht und es fanden auch keine Beisetzungen in Blankenstein statt. Zwar entschied am 30. Juni 1952 der Finanzausschuss der Stadt Blankenstein: „Es wird beschlossen, … den Judenfriedhof instand zu setzen und ebenfalls weiter zu betreuen. Gedacht ist an einen Betonrahmen und Dauerbepflanzung.“ Doch bereits sechs Jahre später beantragte der Blankensteiner Amtsdirektor bei der jüdischen Kultusgemeinde die Genehmigung zur Beseitigung des kleinen Begräbnisplatzes. Das gesamte umliegende Gelände sollte als Wohngebiet erschlossen werden, dafür war auch die Verbreiterung der Straße auf 6 Meter unerlässlich. Am 12. Mai 1958 wurden die Gebeine der auf dem Friedhof in Blankenstein begrabenen Juden exhumiert und zum jüdischen Friedhof nach Hattingen überführt. Danach stimmte die Kultusgemeinde einer Auflassung des Friedhofs zu. Das Gelände ist heute bebaut.

  • Für weitere Informationen zum Thema empfehle ich Band 16 der Veröffentlichungen des Stadtarchives: Thomas Weiß: „Diese Tränen werde ich nie vergessen…“ – Geschichte der Synagogengemeinde Hattingen, Hattingen 2005, aus dem auch die Informationen zu diesem Blogbeitrag entnommen wurden.
Der jüdische Friedhof an der Blankensteiner Straße ist für Besucher ohne Voranmeldung nicht zugänglich. Foto: LRF

Der jüdische Friedhof an der Blankensteiner Straße ist für Besucher ohne Voranmeldung nicht zugänglich. Foto: LRF

Jüdischer Friedhof Hattingen

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