Die Wiederentdeckung der „Wirtschaftswunderzeit“

Alles fing mit dieser Postkarte an, die ich neulich online im Ansichtskarten-Center von Ilona Beyer gekauft habe und über die ich die „Wirtschaftswunderzeit“ der 50er und 60er Jahre in Hattingen wiederentdeckt habe.

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Die Karte aus dem Rauendahl zeigt einige Grünfläche im Stil der 50er und 60er Jahre, die ich im heutigen Stadtbild nicht lokalisieren konnte. Also postete ich einen Ausschnitt (den Brunnen oben links) auf meiner Facebook-Seite Vintage Hattingen und wollte von den zurzeit 4.268 Freunden alter Stadtfotos wissen, wo dieser Brunnen stand. Keine zehn Minuten nach dem Post saß ich auch schon im Wagen, um ins Rauendahl zu fahren – man kann aber auch augenzwinkernd sagen, um zurück in die Wirtschaftswunderzeit Hattingens zu reisen.

Grünpflanzen statt Springbrunnenwasser umgeben jetzt die Plastik "Auf dem Kamp" im Rauendahl. Foto: Lars Friedrich

Grünpflanzen statt Springbrunnenwasser umgeben jetzt die Plastik „Auf dem Kamp“ im Rauendahl. Foto: Lars Friedrich

Tatsächlich haben ich auch ziemlich schnell in einer Grünanlage „Auf dem Kampe“ zwischen den Häusern 10 und 12 jene Figur wiedergefunden, die ab 1959 einen von der HWG gestifteten Brunnen im Rauendahl krönte. Leider nennt auch das städtische Kunstkataster nicht den Künstler…  Einmal im Rauendahl (sympathisch: die gesamte Siedlung ist eine verkehrsberuhigte Tempo-30-Zone) habe ich mich noch etwas umgesehen und viele Orte entdeckt, die an die 50er und 60er Jahre erinnern. In der Zeit des Wiederaufbaues nach dem Krieg und der anschließenden „Wirtschaftswunderzeit“ gab es wohl ein gesteigertes Interesse an öffentlichen Grünanlagen. Teile dieser Gegenbilder zu den damals noch allgegenwärtigen Trümmerlandschaften finden sich bei genauem Hinsehen im Rauendahl auch heute noch.

Der Platz an der Munscheidstraße: Bodenbelag, Mauern und die ehemalige Wasseranlage in der Mitte identifizieren ihn als Park der 50er und 60er Jahre. Foto: Lars Friedrich

Der Platz an der Munscheidstraße: Bodenbelag, Mauern und die ehemalige Wasseranlage in der Mitte identifizieren ihn als Park der 50er und 60er Jahre. Foto: Lars Friedrich

Die Wahl der Bodenbeläge und Kunstobjekte, der Bau von Mauern und Kleinarchitekturen, die Anlage von Spielplätze und Pflanzgefäße, die Gruppierung der Sitzmöglichkeiten und Wasseranlagen sowie die verwendeten Gehölze sind gute Indizien für diese bedeutenden Zeugnisse des gesellschaftlichen, politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Aufbruchs der Nachkriegs- und Wirtschaftswunderzeit.

Die Wasserspiele vor dem Rathaus. Foto: Kurt Friedrich

Die Wasserspiele vor dem Rathaus. Foto: Kurt Friedrich

Aber gibt es in Hattingen noch weitere Wirtschaftswunder-Reste zu bestaunen? Ja, zum Beispiel rund um die Grünfläche vor dem Rathaus an der Roonstraße. Dort sind noch die funktionalen Waschbetonplatten und Betonformsteine der 1950er-Jahre zu finden; die Wasserspiele am südlichen Platzrand, die für lebendige Akzente sorgten, sind leider nicht mehr erhalten (aber ich kann mich noch gut daran erinnern, als Knirps zu Beginn der 1970er Jahre dort mit und an den tanzenden Wasserstrahlen gespielt zu haben). Vielleicht kann sich auch noch jemand daran erinnern, dass zur Advents- und Weihnachtszeit im dann leeren Brunnenbecken Märchenfiguren aufgebaut waren ?

Pausenhofbrunnen von 1956 in Welper. Foto: Lars Friedrich

Pausenhofbrunnen von 1956 in Welper. Foto: Lars Friedrich

Heute leider nicht mehr in Betrieb, aber als solche noch erhalten und erkennbar ist die Brunnenanlage in der Schulhofmauer aus Naturstein der 1956 eröffneten Erik-Nölting-Schule in Welper (die mit ihren bunten Glasfenstern, der Bibliothekstür und den Schulhofüberdachungen übrigens ein wundervolles Beispiel für die Baukultur der Wirtschaftswunderzeit ist). Auch ist ist an vielen Stellen der bewusste Einsatz von Mauern erkennbar – als Stützmauer und als Sitzmöglichkeit für Schulhofbesucher.

Das neue Krämersdorf in Hattingen. Foto: Lars Friedrich

Das neue Krämersdorf in Hattingen. Foto: Lars Friedrich

Ebenso ein architektonisch „Kind nach Nachkriegszeit“ ist das Krämersdorf, vielleicht einer der schönsten, sicher aber einer der verkanntesten Plätze der Altstadt. Das auf der Südwestseite des Platzes liegende Gebäudeensemble mit den markanten Arkaden wurde nach einer Planung von 1946 neu errichtet und ist eines der ersten Gebäude, die in der stark zerstörten Altstadt den Wiederaufbau einleiteten. Allerdings: Reste einer Grünanlage aus dieser Zeit finden sich dort nicht, denn wie die meisten innerstädtischen Plätze wurde auch das Krämersdorf als Parkfläche genutzt.

Und nun Sie: Kennen Sie in Hattingen noch Parks und Grünanlagen aus den 50er und 60er Jahren – egal ob erhalten oder zurück gebaut? Dann schreiben Sie mir – ich würde dieses gartenkulturelle Erben gerne sichten und ggf. auch sichern.

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