Kindheit im Mädchenkleid: Passt Rilke wirklich nicht zu Goethe?

Am Donnerstag, 24. November 2016, wird der Haupt- und Finanzausschuss der Stadt Hattingen u.a. über die Benennung einer Straße in der Hattinger Südstadt entscheiden. Eine von der Stadtverwaltung vorgeschlagene Rilke-Straße hatte in der Vorwoche der Bau-, Umwelt- und Verkehrsausschuss abgelehnt. Statt dessen stimmten SPD und Grüne mit 8 zu 6 Stimmen gegen CDU, FDP und Linke-Piraten für die von der Fraktion DIE LINKE vorgeschlagene Anna-Seghers-Straße.

Rilke auf dem Mäuerchen bei der Kapelle von Muzot, 1924. Foto: Fondation Rilke

Rilke auf dem Mäuerchen bei der Kapelle von Muzot, 1924. Foto: Fondation Rilke

Friedhelm Knippel, Fraktionsvorsitzender der Partei DIE LINKE, in der schriftlichen Begründung des Antrags: „Frau Dr. Anna Seghers ist Trägerin etlicher Preise und Ehrungen.“ Im Gegensatz zu Rilke seien die von den Linken vorgeschlagene Seghers und als Alternative der Schriftsteller Erich Kästner „Deutsche und ihre Namen sind eindeutig den Personen zugeordnet.“ Bei Rilke, so die Fraktion, wisse man nicht, ob Fußballer oder Bildhauer gemeint sei. Gegen Rilke spreche zudem, dass er „den Faschismus gut fand, Mussolini lobte und Gewalt und Freiheitsberaubung als Mittel ansah.“ Knippel, der im Bauausschuss beratendes Mitglied ohne Stimmrecht ist, weiter: „Geprägt sind seine Werke von der Auseinandersetzung mit seiner Mutter, die ihn in Mädchenkleider als Tochter erzog. Rilke passt kaum zu Namen wie Lessing, Schiller und Goethe.“

Rilke: Literat, Fußballer oder Bildhauer?

Was hat es mit diesem Rilke-Bashing auf sich? Weil ich selbst mich viel zu wenig mit der Person Rainer Maria Rilkes (1875-1926) auskenne, habe ich Dr. Thilo von Pape, Mitglied im Vorstand der Internationalen Rilke-Gesellschaft, um eine Stellungnahme zu den Ablehnungsgründen gebeten. „Dass Rilkes Mutter ihn als Kleinkind mit Mädchenkleidern anzog stimmt, war aber damals in diesen Kreisen einfach normal. Aber auch wenn dies nicht gängig gewesen wäre und selbst wenn man daran etwas Verwerfliches fände, wenn Männer sich als Frauen kleiden: Was kann jemand dafür, was seine Mutter mit ihm als kleines Kind macht?“ Deshalb stelle sich die Frage, warum dies einer Straßenwidmung entgegenstehen sollte? Der Autor und Rilke-Experte: „Hat die Linkspartei ein Problem mit normabweichenden Genderformen?“

Normabweichende Genderformen

Rilke war, so Dr. von Pape weiter, kein Deutscher, aber ein deutscher Dichter, der sein Hauptwerk in Deutsch verfasste. „Man kann sagen, dass er in erster Linie ein Europäer war.“ Geboren in Prag, habe er große Teile seines Lebens in Paris verbracht und sein Lebensende in der Schweiz. In der Tat habe Rilke, wie auch Thomas Mann, unmittelbar nach Ausbruch des Kriegs diesen befürwortet. Doch Dr. von Pape weiß: „Er hat sich davon schnell abgewandt, und es wäre unsinnig, ihn als dumpfen Nationalisten zu verorten.“ Zu Beginn des Ersten Weltkrieges lebte Rilke in Paris, war Kosmopolit. „Er hat in Briefen an seine französischen Freunde geschrieben, dass er immer den deutschen Nationalismus gehasst habe.“ Nach dem 1. Weltkrieg wurde er zu einer Brückenfigur zwischen der französischen und der deutschsprachigen Welt, insbesondere durch seine Freundschaft mit Paul Valéry.

Ein Freund der Räterepublik

Der Experte, der an der Universität Hohenheim tätig ist: „Bei Rilke finden sich durchaus ein oder zwei Zitate, die als antisemitisch verstanden werden können, und eben die eine Briefstelle, in der er eine Rede Mussolinis lobt.“ Rilke sympathisierte jedoch auch mit den Räterepubliken nach der Kapitulation 1918 und mit Walther Rathenau und Kurt Eisner. „Es ist komplex bei einem Dichter, der vor 100 Jahren tätig war und sich hauptsächlich an Grundfragen menschlicher Existenz abarbeitete, aber man kann nicht sagen, dass Rilke substantiell Faschismus befürwortete, ganz zu schweigen von Nationalismus. Und man darf auch nicht vergessen, dass er 1926 gestorben ist, da war Faschismus noch etwas Anderes als in den 30er Jahren.“

Der von der Linkspartei aufgestellte Behauptung, Rilke passe nicht zu Lessing und Schiller, stellt von Pape drei Zitate entgegen:

„Ihn am wenigsten im 20. Jahrhundert könnte ich aus der Lyrik entbehren.“
Gottfried Benn

„Ich liebte in ihm den zartesten und geisterfülltesten Menschen dieser Welt, den Menschen, der am meisten heimgesucht war von all den wunderbaren Ängsten und allen Geheimnissen des Geistes.“
Paul Valéry

„Dieser große Lyriker hat nichts getan, als dass er das deutsche Gedicht zum ersten Mal vollkommen gemacht hat.“
Robert Musil

Während die Popularität von Lessing und Schiller heute meist darauf beruhe, dass man auf ihre Werke die Geschichte vom Emanzipationskampf der Menschheit stützen könne, stellt Dr. von Pape für Rilke fest: „So aktiv politisch war er da natürlich nicht, aber als Künstler steht Rilke ohne Frage mit ihnen auf einer Höhe.“

Die Rilke-Gesellschaft wurde 1971 in Saas Fee auf Anregung von Frau Tita von Oetinger gegründet. Derzeit zählt die Gesellschaft rund 350 Mitglieder in 22 Ländern. Zweck der Rilke-Gesellschaft ist die Förderung der Beschäftigung mit Leben und Werk des Dichters Rainer Maria Rilke. Die wissenschaftliche Forschung und Diskussion der Kenner und Spezialisten haben in der Rilke-Gesellschaft ebenso ihren Platz wie die Anliegen der interessierten Liebhaber, der begeisterten Leserinnen und Leser.

Advertisements

3 Gedanken zu “Kindheit im Mädchenkleid: Passt Rilke wirklich nicht zu Goethe?

  1. Hallo,
    ich bin gerade auf dieses sehr interessante und informative Blog gestoßen. Großartige Beiträge! Schade, daß ich noch kein entsprechendes Blog über meine Heimatstadt gefunden habe…
    Viele Grüße
    Kathinka

    Gefällt mir

  2. Rilke ist einer der feinsten und sensibelsten Autoren, die ich kenne. Seine Achte Duineser Elegie ist mit Abstand mein Lieblingsgedicht. Ich finde es total schade, dass eine solche Debatte möglich ist und man sich dann sogar wieder einmal dazu verleiten lässt, den zu ehren, den alle kennen und damit immer das Gleiche zu tun.

    Auschnitt:
    „Der Schöpfung immer zugewendet, sehn
    wir nur auf ihr die Spiegelung des Frein,
    von uns verdunkelt.

    Dieses heißt Schicksal: gegenüber sein
    und nichts als das und immer gegenüber.“

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s