Luther in Hattingen: Stein, Haus, Fenster, Glocke, Kirche, Straße

Dr. Martin Luther und Hattingen? Das ist kein abendfüllendes Thema. Zwar hat sich die Reformation ab etwa 1580 im ganzen Hattinger Land allmählich durchgesetzt (nur in Blankenstein und Niederwenigern bleiben weiterhin katholische Gemeinden bestehen) und die Abhängigkeiten zum Kloster Deutz werden nach und nach abgebaut, doch heute erinnert in unserer Stadt nur Weniges an den Reformator. Ich habe hier zum kommenden Reformationstag – auch aus älteren Blogartikeln – einige Stadt-Stationen zu  „Luther in Hattingen“ zusammengestellt.

Um die an den Sozialdemokraten Bebel erinnernde Straße verschwinden zu lassen benannten die Nazis diese in "Im Reschop" um - und nannten den bisherigen Reschop kurzerhand Martin-Luther-Straße. Karte (ca. 1937): Stadtarchiv Hattingen

Um die an den Sozialdemokraten Bebel erinnernde Straße verschwinden zu lassen benannten die Nazis diese in „Im Reschop“ um – und nannten den bisherigen Reschop kurzerhand Martin-Luther-Straße. Karte (ca. 1937): Stadtarchiv Hattingen

Die Martin-Luther-Straße. Durch Beschluss der Stadtverordnetenversammlung vom 12. April 1933 wurde die 1922 so gewidmete Straße „Im Reschop“ zur Martin-Luther-Straße – gleichzeitig benannte die nationalsozialistische Stadtverwaltung die alte Bebelstraße in „Im Reschop“ um. In das Jahr der Machtergreifung 1933 fiel nämlich der 450. Geburtstag Luthers. Schon 1923 hatte Hitler beim Parteitag der NSDAP Luther zum Vorbild für sein Führerprinzip stilisiert: Der Reformator habe seinen Kampf gegen „eine Welt von Feinden“ damals ohne jede Stütze gewagt. Und in seinem Buch „Mein Kampf“ erwähnte Hitler Luther neben Friedrich dem Großen und Richard Wagner als „großen Reformatoren“.

Luther-Medaille von 1933 aus dem Stadtarchiv Hattingen.

Luther-Medaille von 1933 aus dem Stadtarchiv Hattingen.

Ab 1936 stellte die NS-Propaganda Luther gar gezielt als Wegbereiter der Judenverfolgung des Nationalsozialismus und Hitler als Vollstrecker seines Willens dar. Diese erste Luther-Straße verlief wohl ab dem Gemeindehaus über die heutige Trasse der Straße „Im Bruchfeld“. 1946 wurde die Martin-Luther-Straße dann von der Bahnhofstraße über die bisherige „Märkische Straße“ und „Verbandsstraße“ bis zur „Bruchstraße“ verlängert. 1960 dann beschlossen die Stadtverordneten, die neue Trasse der B 51 von der „Bahnhofstraße“ bis zur „Sprockhöveler Str.“ als „Martin-Luther-Straße“ zu bezeichnen. Damit fiel auch die „Wilhelmstraße“ (Abschnitt von August-Bebel-Straße bis Bruchstraße) in der bisherigen Bezeichnung weg.

Luther-Straße verdrängte Sozialdemokraten

Das ML-Haus auf einer Postkarte (unten links).

Das ML-Haus auf einer Postkarte (unten links).

Das Martin-Luther-Haus an der Waldstraße, seit April 1990 eines von drei Diakonie Altenheimen in Hattingen. Auch der nach dem Krieg im Jahre 1954 errichtete Vorgängerbau des heutigen Altenheims trug bereits den Namen des Reformators.

Die Martin-Luther-Kapelle in Niederstüter befindet sich an der Paaßstraße. Gebaut wurde die Kapelle ca. 1955 unter dem damaligen Pfarrer Alfred Busch. 1968 wurde sie dann als Predigtstätte eingeweiht. Bis zur Selbständigkeit 1968 gehörte die Kirchengemeinde Bredenscheid-Stüter zur Kirchengemeinde St. Georg. 2006/ 2007 wurde die evangelische Kapelle von dem Architektenteam soan umgestaltet. Dabei wurde das äußere Erscheinungsbild der weiß verputzten unscheinbaren Friedhofskapelle weitestgehend erhalten und mit einem Anbau zur Erweiterung des Aufbahrungsbereiches sowie einer neuen Einfassungsmauer ergänzt. Am Buß- und Bettag 2009 wurde im neu errichteten Gockenturm das neue Geläut offiziell eingeweiht und in Betrieb genommen. Ein Vers von Martin Luther verziert die kleine Glocke: „Dein Will gescheh, Herr Gott, zugleich, auf Erden und im Himmelreich.“

Dr. Martin Luther im Talar in der Stadtkirche St. Georg. Foto: Peter Klusmann

Dr. Martin Luther im Talar in der Stadtkirche St. Georg. Foto: Peter Klusmann

Die drei Martin-Luther-Fenster der evangelischen St. Georgs-Kirche wurden von Prof. Eduard Bischoff aus Gelsenkirchen entworfen und ab 1950 eingebaut. Das zweite Fenster links des Altars zeigt unten Luther im Talar mit der Hand auf die geöffnete Bibel deutend sowie oben Luther als „Junker Jörg“ auf der Eisenacher Wartburg. Das Fenster über dem seitlichen Eingang der Kirche ziert eine Lutherrose, die nach den Umrissen in etwa dem Wappen Siegelwappen von 1516 entspricht. Verändert wurde die Farbgebung – bei Luther ist der Reif golden, der Untergrund blau und das Kreuz auf dem roten herzen schwarz. Dazu kommt als Umschrift das lateinische Wort VIVIT (er lebt).

Die Luther-Rose. Luther als Junker Jörg zeigt das Blogfoto ganz oben. Foto: LRF/HAT

Die Luther-Rose. Luther als Junker Jörg zeigt das Blogfoto ganz oben. Foto: LRF/HAT

Die Luther-Rose auf der Glocke. Foto: LRF/HAT

Die Luther-Rose auf der Glocke. Foto: LRF/HAT

Die Martin-Luther-Rose kommt in der Kirche ein weiteres Mal auf einer der Glocken vor. Das Geläut mit vier Glocken stammt aus der Gießerei des „Bochumer Vereins“ und wurde am 1950 geweiht. Die zweitgrößte Glocke mit einem Durchmesser von 1,69 m wiegt 38 Zentner und hat als Aufschrift den Anfang des Lutherliedes „Ein feste Burg ist unser Gott“. Sinnentsprechend befindet sich auf ihr die „Lutherrose“, Luthers Wappen, eigentlich Siegel, mit dem Luther seit 1516 siegelte. Diese Glocke mit dem Ton c ist nur für das Läuten bestimmt.

Eiche überwächst Luther-Stein

Der von der Luther-Eiche überwachsene Gedenkstein an der Ev. Kirche in Niederwenigern. Foto: Lars Friedrich

Der von der Luther-Eiche überwachsene Gedenkstein an der Ev. Kirche in Niederwenigern. Foto: Lars Friedrich

Ulrich Bäumer hat mich neulich dann auch noch auf die Luther-Eiche im Stadtteil Niederwenigern hingewiesen. Direkt gegenüber dem Eingang der Evangelischen Kirche steht dort eine prächtige Eiche, die 1883 anlässlich des 400-jährigen Geburtstages von Martin Luther (10.11.1483) gepflanzt wurde. Kurios: Der Erinnerungsstein am Fuße des Baumes ist schon zum Teil vom Stamm der Eiche überwachsen, seine Inschrift nur noch zum Teil lesbar.

Mini-Luther nur am Haldenplatz erhältlich

Ist in Hattingen nur an zwei Stellen zu haben: der Mini-Luther von Playmobil. Foto: Lars Friedrich

Ist in Hattingen nur an zwei Stellen zu haben: der Mini-Luther von Playmobil. Foto: Lars Friedrich

Vor zwei Jahren setzte die Evangelische Kirche einen wenige Zentimeter großen Playmobil-Martin Luther als „Reformationsbotschafter“ ein – mit Federkiel und Bibel-Übersetzung in der Hand. Jüngst ging das millionste Exemplar des Playmobil-Luthers über den Verkaufstisch. Der Mini-Luther wurde damit zur bisher erfolgreichsten Einzelfigur des Zirndorfer Spielzeugherstellers. In Hattingen ist der Wittenberger Mönch als Spielfigur mit dem Beileger „Luther 2017 – 500 Jahre Reformation“ exklusiv im Museumsshop im Bügeleisenhaus am Haldenplatz Nr. 1 und bei Hattingen Marting am Haldenplatz Nr. 3 erhältlich.

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Vor fast 60 Jahren sollte unser Ruhrtal im Stausee verschwinden

Seit dem Jahre 2014 diskutiert Hattingen die bis 2021 geplante Umsetzung einer EU-Wasserrahmenrichtlinie. Streitpunkt dabei ist die geplante Umgestaltung der Ruhr: Buchten sollen verschwinden, Wiesen zu Feuchtgebieten werden. Was heute kaum jemand mehr weiß: Vor knapp 60 Jahren sollte der Winzer Ruhrbogen schon einmal weitgehend im „Stausee Hattingen“ untergehen.

Für den Stausee Hattingen mit Kraftwerk, Wehr und Deichen wollte die Baundesbahn Gleise verlegen und die Stadt Straßen anheben. Rechts oben im Bild: der Anschluss an die verlegte Ruhr im Bereich der Henrichshütte. Repro aus der Heimat am Mittag vom 19. April 1958.

Für den Stausee Hattingen mit Kraftwerk, Wehr und Deichen wollte die Bundesbahn Gleise verlegen und die Stadt Straßen anheben. Rechts oben im Bild: der Anschluss an die verlegte Ruhr im Bereich der Henrichshütte. Repro aus der Heimat am Mittag vom 19. April 1958.

Am 19. April 1958 vermeldete die Hattinger Heimatzeitung euphorisch:“Riesenprojekt wird verwirklicht“. Gemeint waren die von der Ruhrstahl AG geplante Ruhrverlegung und der Ruhrstausee bei Hattingen. Bis 1963 sollte das „größte Bauvorhaben (…) seit Jahrzehnten im Raum des Bochumer Südens“ umgesetzt werden und „auch für die Gestaltung der Freizeit der Stadtbewohner aus dem Raum Hattingen/Welper eröffnen sich neue Perspektiven“. Der Ruhrsee bei Hattingen war schon früher diskutiert worden, doch mit der Ruhrverlegung entlang der Hütte zur Vergrößerung des Firmengeländes waren die Pläne Mitte der 1950er Jahre wieder in die Diskussion gekommen. Weiterlesen

Abenteuerland DDR: Darf man einen Unrechtsstaat mögen?

Nachstehenden Beitrag hatte ich 2014 zum 25. Jahrestag des Mauerfall am 9. November 1989 geschrieben, aber ich highlighte ihn heute zum Jahrestag des Beitritts der Deutschen Demokratischen Republik zur Bundesrepublik Deutschland am 3. Oktober 1990 erneut.

Ich beschäftige mich schon lange mit der Frage, ob man den ostdeutschen Unrechtsstaat mögen durfte? Zum 25. Jahrestag des Mauerfalls habe ich meine Kindheitserinnerungen an das „Abenteuerland DDR“ niedergeschrieben und weiß, dass dies Diskussionsstoff birgt.

Vor dem Interhotel Newa auf der Prager Straße: Lars und Erika Friedrich. Foto: Kurt Friedrich

Vor dem Interhotel Newa auf der Prager Straße: Lars und Erika Friedrich. Foto: Kurt Friedrich

„Liebe Landsleute, wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise…“ Der berühmte Satz, den der damalige Bundesaußenminister und Vizekanzler Hans-Dietrich Genscher am Abend des 30. September 1989 um 18.58 Uhr vom Balkon der westdeutschen Botschaft in Prag vor 4.000 ausreisewilligen DDR-Flüchtlingen sagte, verursacht mir heute noch Gänsehaut. Wenig später, am 9. November, wird die Öffnung aller Berliner Grenzübergänge erzwungen – die Mauer fällt und nur ein knappes Jahr später, am 3. Oktober 1990, tritt die DDR dem Geltungsbereich des Grundgesetzes bei.

Meine Mutter (rechts) und ich mit den Freunden aus Borlas auf der Terrasse von Schloss Moritzburg. Foto: Kurt Friedrich

Meine Mutter (rechts) und ich mit den Freunden aus Borlas auf der Terrasse von Schloss Moritzburg. Foto: Kurt Friedrich

Ab Mitte der 1970er Jahre fuhren meine Eltern mit mir (Jahrgang 1968) nahezu jährlich auf Einladung lieber Freunde in die DDR – zunächst mit dem Interzonenzug bis Dresden und weiter mit der Regionalbahn bis zum Bahnhof Edle Krone im Tharandter Wald, später dann mit dem eigenen Pkw über die Transitautobahn gleich bis nach Borlas. Meine kindliche Erinnerung an diese Herbsturlaube in der Nähe von Dresden ist geprägt von abenteuerlichen Dingen: an das meist nächtliche Ausräumen unseres Autos vor meist schlecht gelaunten, aber immer bewaffneten Mitglieder der DDR-Grenztruppen im gleißenden Scheinwerferlicht am innerdeutschen Grenzübergang Herleshausen/ Wartha, an das langweilige Warten am Folgetag auf dem gebohnerten Flur der Meldestelle der Volkspolizei im Dippser Schloss auf den Stempel für die Aufenthaltsgenehmigung, an das Pumpsklo bei unseren Freunden in Borlas (Ortsbild oben), an das „platziert werden“ in fast leeren Restaurants oder an das bunte Plastikgeschirr in der Dresdner HO-Gaststätte „Am Zwinger, im Volksmund Fresswürfel genannt. Und ich weiß, dass ich nach der Zeit „drüben“ immer froh war, wieder daheim in Hattingen zu sein. Weiterlesen

Warum für mich eine Fähren nach Blankenstein reiner Mumpitz ist

Bereits Karfreitag 2018 soll eine neue Ruhrfähre den Bochumer Stadtteil Stiepel mit dem Hattinger Stadtteil Blankenstein verbinden, meldete jüngst die Heimatzeitung. Zur Beurteilung der Idee möchte ich Herbert Wehner zitieren: „Das ist doch Mumpitz.“ Warum ich das so, versuche ich hier zu erläutern.

Foto: Heimatverein Blankenstein/Archiv Kl. Brüggeney

Foto: Heimatverein Blankenstein/Archiv Kl. Brüggeney

Ich fürchte, eine Wiederbelebung der Fährverbindung von Stiepel nach Blankenstein wird weit hinter den Erwartungen zurückbleiben. Denn: Der Höhenunterschied zwischen dem Ruhrtal und den touristischen Punkten in Blankenstein wie dem Stadtmuseum und der Burg (den Gethmannschen Garten lasse ich in seinem jetzigen Zustand mal außen vor) ist in meinen Augen der Knackpunkt. Ich fürchte, diesen Anstieg/ Abstieg werden viele Wanderer und Nutzer des Ruhrtalradweges scheuen. Allein schon aus diesem Grund kann die Idee der Stiepeler und Blankensteiner Fähr-Freunde nicht mit der Hardensteiner Ruhrtalfähre und dem fast ebenerdigen Zugang zur dortigen Burgruine verglichen werden. Wie also kommt man mit Kinderwagen, Fahrrad, Bollerwagen oder Rollator vom Fuße der Blankensteiner Berge nach oben? Entweder die 210 Stufen der historischen Treppe hoch- und wieder heruntersteigen (sorry, das geht ja gar nicht, denn die Treppe ist ja schon seit 2014 gesperrt) oder die steile Straße „Zu den sieben Hämmern“ nutzen – Esel wie zur Wartburg hinauf oder Kutschen wie an den Königsschlössern in Bayern sehe ich nicht.

Ist also ein Abstecher vom sonnenbeschienenen Ruhrtalradweg in den Schatten der Blankensteiner Berge attraktiv? Gibt es hier tatsächlich ausreichend touristisches Potential, das einen Aufstieg rechtfertigt? Eine Nachfrage bei der RuhrtalBahn, wie stark der Haltepunkt Burg Blankenstein als Aussteigepunkt genutzt wird, könnte erhellend sein. Auch wenn die Gutachter sagen, eine Fähre ist machbar und die Natürschützer letztlich meinen, sie sei auch umweltverträglich, so behebt eine Fähre allein nicht das Blankensteiner Touristik-Problem. Eine Fährverbindung von Stiepel nach Blankenstein ist der zweite vor dem ersten Schritt: Also bitte zunächst einmal in den Stadtteil investieren und z. B. den Gethmannschen Landschaftsgarten aus seinem Dornröschenschlaf erwecken ocer die Öffnungszeiten des Stadtmuseums ausweiten und dann mit diesen Pfunden wuchern.

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