Wieder ein Mayerling-Buch: Aber der Herr D. ist nicht der Prinz M.

Heute also ist es mal wieder soweit: Pflichterinnerung an einen der dunkelsten Tage des österreichischen Kaiserhauses, denn am 30. Jänner 1889 starb im niederösterreichischen Mayerling der Erzherzog Kronprinz Rudolf, einziger Sohn von Kaiser Franz Joseph und Kaiserin Elisabeth. Der Skandal: Neben dem toten Thronfolger fand man – ebenfalls tot – die erst 17-jährige Baronesse Marie von Vetsera. Dank ungeschickter Vertuschungs- und Geheimhaltungsaktivitäten zu dieser zweiten Leiche war schnell der Mythos Mayerling geboren, der auch 127 Jahre später noch immer Hobbyforscher und Fachautoren beschäftigt…

Das Buch "Mayerling 1889" mit einer meiner Leihgaben, einem Aschenbecher aus dem Jagdschloss des Kronprinzen. Foto: LRF

Das Buch „Mayerling 1889“ mit einer meiner Leihgaben, einem Aschenbecher aus dem Jagdschloss des Kronprinzen. Foto: LRF

Der Kunst- und Kulturhistoriker Dr. Hannes Etzlstorfer stellt in einem jetzt erschienenen Bildband zur Causa Mayerling nicht nur übersichtlich und informativ die bekannten Fakten und Hintergründe dar, die zur Tragödie von 1889 geführt haben. Als Kurator der Ausstellung auf dem Gelände des einstigen kronprinzlichen Privat-Schlosses in Mayerling hatte er auch Zugang zu Bild- und Archivmaterial, von dem vieles nun zum ersten Mal veröffentlicht wurde. Weiterlesen

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Die Wiederentdeckung der „Wirtschaftswunderzeit“

Alles fing mit dieser Postkarte an, die ich neulich online im Ansichtskarten-Center von Ilona Beyer gekauft habe und über die ich die „Wirtschaftswunderzeit“ der 50er und 60er Jahre in Hattingen wiederentdeckt habe.

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Die Karte aus dem Rauendahl zeigt einige Grünfläche im Stil der 50er und 60er Jahre, die ich im heutigen Stadtbild nicht lokalisieren konnte. Also postete ich einen Ausschnitt (den Brunnen oben links) auf meiner Facebook-Seite Vintage Hattingen und wollte von den zurzeit 4.268 Freunden alter Stadtfotos wissen, wo dieser Brunnen stand. Keine zehn Minuten nach dem Post saß ich auch schon im Wagen, um ins Rauendahl zu fahren – man kann aber auch augenzwinkernd sagen, um zurück in die Wirtschaftswunderzeit Hattingens zu reisen.

Grünpflanzen statt Springbrunnenwasser umgeben jetzt die Plastik "Auf dem Kamp" im Rauendahl. Foto: Lars Friedrich

Grünpflanzen statt Springbrunnenwasser umgeben jetzt die Plastik „Auf dem Kamp“ im Rauendahl. Foto: Lars Friedrich

Tatsächlich haben ich auch ziemlich schnell in einer Grünanlage „Auf dem Kampe“ zwischen den Häusern 10 und 12 jene Figur wiedergefunden, die ab 1959 einen von der HWG gestifteten Brunnen im Rauendahl krönte. Leider nennt auch das städtische Kunstkataster nicht den Künstler…  Einmal im Rauendahl (sympathisch: die gesamte Siedlung ist eine verkehrsberuhigte Tempo-30-Zone) habe ich mich noch etwas umgesehen und viele Orte entdeckt, die an die 50er und 60er Jahre erinnern. In der Zeit des Wiederaufbaues nach dem Krieg und der anschließenden „Wirtschaftswunderzeit“ gab es wohl ein gesteigertes Interesse an öffentlichen Grünanlagen. Teile dieser Gegenbilder zu den damals noch allgegenwärtigen Trümmerlandschaften finden sich bei genauem Hinsehen im Rauendahl auch heute noch. Weiterlesen

27. Januar: Holocaust-Gedenken muss nicht zwingend 8 € kosten

Seit 1996 wird der 27. Januar in Deutschland als ‪Gedenktag‬ für die Opfer des Nationalsozialismus begangen, 2005 wurde der Tag sogar von den Vereinten Nationen zum internationalen Holocaust-Gedenktag erklärt.

2014: Stolperstein-Verlegung vor der "Krone" am Steinhagen. Foto: Lars Friedrich

2014: Stolperstein-Verlegung vor der „Krone“ am Steinhagen. Foto: Lars Friedrich

Hattingens Volkshochschule und der vhs-Förderverein möchten in diesem Jahr mit einem Klezmerkonzert an das jüdische Leben in Deutschland vor dem Holocaust erinnern und laden ein zu einem musikalischen Abend am Samstag, 30. Januar 2016, um 19 Uhr in den Veranstaltungsraum des Stadtmuseums nach Blankenstein. Wer sich daran stört, dass die städtische Gedenkveranstaltung mit Klezmermusik und jiddische Lieder 8 Euro Eintritt kosten, kann den Gedenktag aber auch nutzen, sich nahezu kostenfrei und individuell des Schicksals heimischer Holocaust-Opfer zu erinnern: auf dem Stolperstein-Rundgang durch Hattingen. Weiterlesen

Brauchtum: Unser Altstadtfest

Mittelaltermarkt auf dem Kirchplatz in Hattingen. Foto: Lars Friedrich

Mittelaltermarkt auf dem Kirchplatz in Hattingen. Foto: Lars Friedrich

Nach drei Tagen Feststimmung in der Altstadt und einem „bunten Abend“ mir 3.000 Besuchern auf dem Kirchplatz forderten im Sommer 1975 Hattinger Bürger im Lokalteil ihrer Heimatzeitung: „Das erste Hattinger Altstadtfest sollte nicht das letzte sein.“ Und auch Bürgermeister Willi Brückner blickte am Montag, 14. Juli 1975, zufrieden auf das zurückliegende Wochenende zurück und ließ durchblicken: „Wir werden vermutlich auch im nächsten Jahr ein weiteres Altstadtfest durchführen.“ Aus diesem „vermutlich“ wurde schnell eine liebenswerte Tradition und im Jahr 2015 fand  nun schon das 41. Hattinger Altstadtfest statt. Weiterlesen

Texte wie brennende Kohle: Vor 50 Jahren starb O. Wohlgemuth

Wer kennt heute noch August Heinrich Gustav Otto Wohlgemuth? Fast scheint es, als habe seine Heimatstadt den Arbeiter- und Heimatdichter vergessen:  Ein kurzer Weg an der Nordstraße und sein Ehrengrab auf dem Kommunalfriedhof an der Waldstraße erinnern noch an den Bergmann, über dessen Texte der Literatur-Nobelpreisträger Gerhard Hauptmann (1862-1946) gesagt haben soll, der Hattinger habe eine Ausdrucksform gefunden, in der „etwas lodere wie brennende Kohle“.

Beisetzung von Otto Wohlgemuth am Mittwoch, den 18. August 1965, auf dem Kommunalfriedhof an der Waldstraße. Foto: Heimatverein

Beisetzung von Otto Wohlgemuth am Mittwoch, den 18. August 1965, auf dem Kommunalfriedhof an der Waldstraße. Foto: Heimatverein

Am Samstag, 15. August 2015, erinnert der Heimatverein Hattingen öffentlich an sein Ehrenmitglied Otto Wohlgemuth, der vor 50 Jahren im Bügeleisenhaus am Haldenplatz verstarb: Um 11.30 Uhr lege ich in meiner Funktion als Vereinsvorsitzender zusammen mit Bürgermeisterin Dr. Dagmar Goch an Wohlgemuths Ehrengrab auf dem Kommunalfriedhof einen Kranz nieder – ehemalige Knappen im Bergkittel halten, wie schon bei seiner Beisetzung, die Ehrenwache. Die kurze Gedenkveranstaltung ist öffentlich, Gäste sind willkommen.

Otto Wohlgemuths Geburtshaus an der Langenberger Straße 5. Foto: Werth/Sammlung Heimatverein

Otto Wohlgemuths Geburtshaus an der Langenberger Straße 5. Foto: Werth/Sammlung Heimatverein

Otto Wohlgemuth wurde am 30. März 1884 als sechstes von 13 Kindern einer Bergarbeiterfamilie in einem nicht mehr existierenden Fachwerkhaus an der Langenberger Straße in Hattingen geboren. Er verlebte seine Kinder- und Volksschulzeit in ärmlichsten Verhältnissen in Hattingen. 1898 zog die Familie ins benachbarte Linden um, wo Otto die Volksschule abschloss und eine Lehre als Former in der Wolffschen Eisengießerei begann. Bereits 1900 brach er die Lehre ab, um im besser bezahlten Bergbau auf der Zeche Friedlicher Nachbar zu arbeiten. Dies wurde für ihn in vielerlei Hinsicht ein prägender Lebensabschnitt: Er begann, eigene Erlebnisse in Wort und Bild auszudrücken. Parallel zu seiner Arbeit unter Tage schulte Wohlgemuth autodidaktisch seine dichterischen und künstlerischen Talente. Dies erschienihm als die einzige Möglichkeit, aus seiner Stellung heraus Zugang zum Bürgertum zu finden. Entsprechend dem bürgerlichen Bildungsideal setzte er sich mit klassischer Musik, Theater, Literatur und den großen Meistern der Kunst auseinander.

Wohlgemuth im Bügeleisenhaus. Sein Lehnstuhl wird derzeit in der Bergbnau-Ausstellung gezeigt. Foto: Heimatverein

Wohlgemuth im Bügeleisenhaus. Sein Lehnstuhl wird derzeit in der Bergbnau-Ausstellung gezeigt. Foto: Heimatverein

Wohlgemuth arbeitete bis 1923 als Bergmann, nur kurz unterbrochen von einer Tätigkeit als Bürogehilfe. 1923 gab er den Beruf des Bergmanns endgültig auf und fand in Gelsenkirchen-Buer eine Anstellung als Bibliothekar in der Stadtbibliothek. Am 1. Juni 1929 wurde er offizieller Leiter der Volksbücherei Gelsenkirchen. Seine  umfassende und anstrengende Tätigkeit für die Bibliothek, in der er auch Vorträge, Lesungen und Kunstausstellungen organisierte,ließ seine literarische Tätigkeit  vorübergehend in den Hintergrund treten. 

Das dichterische Gesamtwerk Otto Wohlgemuths umfasst Prosa und Lyrik. Dabei überwiegt der Anteil der aus eigenen Erlebnissen entstandenen Bergmannsgedichte bei weitem. Anschaulich und zuweilen pathetisch beschrieb der Bergmann in seinen Gedichten und kurzen Erzählungen die Gefahren und extremen Arbeitsbedingungen, denen die unter Tage tätigen Männer Tag für Tag ausgesetzt waren. Wohlgemuth wusste seine Leser besonders dadurch zu beeindrucken, dass er die Sprache der Bergleute kannte und sprach. Weiterlesen