Imagegewinn und Identifikation: Hattingen hat auch Steinzeit

Die Geschichte der Stadt Hattingen wird meist im Zusammenhang mit der mittelalterlichen Stadtbefestigung oder dem Kampf um den Stahlstandort Henrichshütte erzählt. Dass Hattingens Chronik aber nicht nur von Fachwerkidylle und Industriestandort zu berichten weiß, hat mich schon immer fasziniert, denn Spuren der Steinzeit gibt es in Hattingen einige.

Die Holthauser Grabhügelfläche. Foto: Lars Friedrich

Die Holthauser Grabhügelfläche. Foto: Lars Friedrich

Die erste Besiedlung des heimischen Raumes lässt sich durch typische Einzelfunde von Äxten und Faustkeilen dokumentieren. Und die Steinkastengräber auf dem Holthauser Höhenrücken lassen den Schluss zu, dass es hier an der Ruhr Siedlungsverbände gab, die an mindestens einem zentralen Platz über einen längeren Zeitraum ihre Toten bestatteten. Der Nachweis sicherer Siedlungsstellen fehlt indes in unserem Raum noch immer.

Der Horkenstein am Reschop. Foto: Lars Friedrich

Der Horkenstein am Reschop. Foto: Lars Friedrich

Die endmesolithischen Steinkastengräber von Holthausen und der oft als Menhir bezeichnete Horkenstein in Hattingen-Mitte haben zu Recht schon immer die Fantasie von Volkskundlern, Heimatforschern und Sagensammlern angeregt. Schließlich beweist mein Blick in die Magazine der Heimatvereine und Museen: Hattingen hat Steinzeit. Auch wenn diese richtungweisende Epoche unserer Geschichte bislang nie zu einem wirklichen Thema in Hattingen wurde.

Martin Flashar kritisiert in einem Aufsatz zu neolithischen Siedlungsspuren auf dem Areal der Ruhr-Universität: „Die Chance, durch die Erforschung der eigenen Vorgeschichte nicht nur einen Imagegewinn für die Kommune zu erzielen, sondern auch die Identifikation der Bürger mit dem eigenen Lebensraum zu stärken, wird bei weitem nicht allerorts gesehen.“ Diese Einschätzung der Bodendenkmalpflege in Bochum trifft aus meiner Sicht auch auf die Stadt Hattingen zu.

Eine wissenschaftliche Erforschung des steinzeitlichen Begräbnisplatzes von Holthausen ist meiner Meinung längst überfällig. Siedlungsgeschichtlich könnten die Steinkastengräber wichtige Informationen über die erste Besiedlung der Hattinger Höhenrücken und die Begräbniskultur der Vor- und Frühzeit in Westfalen geben. Unsere Grabhügel sind Schätze der Vergangenheit mit besonderem Wert für die Bürger unserer Stadt. Deshalb müssen sie vor unbedachtem Umgang oder gar Zerstörung geschützt und für eine dauerhafte Zukunft gepflegt werden. Diese Grabhügel sind einzigartig und könnten zu einem Alleinstellungsmerkmal der Ruhrstadt Hattingen werden, das in der touristischen Vermarktung weit über die Region hinaus genutzt werden kann.

1937 berichtete die Hattinger Zeitung: „Es dürfte nur wenigen bekannt geworden sein, dass in Holthausen auf dem Ausläufer eines Höhenrückens sich das reichste vorgeschichtliche Gräberfeld unserer weiteren Umgebung befindet. Die große Anlage dieser Kultstätte lässt auf die außerordentliche Bedeutung dieses Platzes mit Sicherheit schließen und zeugt von der in graue Vorzeit zurückreichenden Besiedlung der Gemeinden Welper und Holthausen.“ 1934, 1957 und 1959 wurden drei der einst 26 Steinkastengräber aus dem Endneolithikum (2.800 bis 2.000 v. Chr.) auf Billes Kopf geöffnet – ohne dass jedoch spektakuläre Funde überliefert wurden. Westlich des Grabhügelfeldes soll es Erzählungen nach weitere vorgeschichtliche Gräber gegeben haben, deren Spur sich aber mit dem Bau der Reha-Klinik verliert.

Holthauser Grabhügel. Ist das nicht etwas Rundes zu erkennen? Foto: Lars Friedrich

Holthauser Grabhügel. Ist das nicht etwas Rundes zu erkennen? Foto: Lars Friedrich

Die Holthauser Steinkastengräber
In der 1950 erschienenen „Fundchronik für Westfalen (1937-1947)“ werden 28 Grabhügel verschiedener Größe (3-6 Meter Durchmesser, 0,6-1,1 Meter Höhe) genannt. In einem abgefahrenen Hügel habe Landwirt Bille einen großen Steinkranz angetroffen, innerhalb dessen ein mit Platten umstellter Raum von 1 x 2 Metern abgetrennt gewesen sein soll. Den Ausschlag, sich in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts näher mit den Grabhügeln zu befassen, gab die ursprüngliche Planung für den Neubau einer Wohnsiedlung auf der Bergkuppe „Billes Kopf“. Zwar wurde diese Bebauung erst ab 1968 und dann unter Aussparung der Kuppe realisiert, doch bereits in den 50er Jahren wurden Probegrabungen an zwei Grabhügeln auf dem Höhenrücken durchgeführt. Die Fundchronik für den Ennepe-Ruhr-Kreis in „Ausgrabungen und Funde in Westfalen-Lippe (AFWL) 1948 – 1980“ von Anita Porath stellt dazu fest: 1957 wurde zwischen „Billes Kopf“ und einer nicht näher genannten, benachbarten Kleinzeche ein 5 bis 6 Meter langer, 30 bis 50 Zentimeter breiter und 70 bis 80 Zentimeter tiefer, vom Zentrum eines Hügels ausgehender Schnittgrabung angesetzt. Parallel wurde in 10 Metern Abstand vom Hügelmittelpunkt ein Probeloch gesetzt.

Was wurde gefunden? Nicht viel: Im Probeloch wurde unter einer 20 Zentimeter starken Humusschicht gelblicher Lehm angefunden, der im Suchschnitt grobe quarzitische Sandsteine enthielt. Die Funktion dieser Anhäufung konnte nicht geklärt werden. 1959 wurde ein weiterer Hügel von zwei Schülern des Gymnasiums Waldstraße mehr als zur Hälfte abgetragen, wobei sich ebenfalls keine klärenden Hinweise ergaben.

Während man in den 50er Jahren dann noch 26 Grabhügel zählte, wurden anlässlich der Planung der „Kleingartenanlage Salzweg“ bei Messarbeiten des damaligen Amtes für Bodendenkmalpflege im Jahre 1988 nur noch rund 20 Verdachtsflächen markiert. Bei einem Ortstermin im November 2011 war allerdings nur noch ein gut erkennbarer, wahrscheinlich endneolitischer Grabhügel erkennbar. Die anwesenden Vertreter der Unteren Denkmalbehörde der Stadt Hattingen und der LWL-Archäologie für Westfalen/Außenstelle Olpe sprachen sich dafür aus, diesen Grabhügel nicht durch eine Probegrabung zu zerstört. Und auch die bereits 1988 angeregte Aufnahme in die Denkmalliste der Stadt Hattingen wurde auf Grund der sich veränderten Situation vor Ort nicht weiter verfolgt.

Hattinger Steinaxt. Foto: Lars Friedrich

Hattinger Steinaxt. Foto: Lars Friedrich

Steinzeitliche Fundstellen im Hattinger Raum
Die Fundorte der steinzeitlichen Artefakte liegen über das gesamte Gebiet der neuen Stadt Hattingen verteilt. Fundschwerpunkte gibt es in Welper (Haidchen und Hüttenau), in Holthausen (Billes Kopf, Sünsbruch, Aurora-Siedlung) sowie rund um das Heggerfeld. Alle Funde kamen meist in Hanglage und nahe von einstigen Quellmulden zu Tage. Bestattungsplätze finden sich ebenfalls in Holthausen nachgewiesen auf Billes Kopf) und der Sage nach in Niederwenigern (Dumberg), während die Funde von Mammutknochen bislang ausschließlich auf den Bereich der früheren Ruhrauen eingegrenzt werden können.

Mammuts an der Ruhr
Mammuts gab es vor 135.000 bis 11.000 Jahren in Europa, Asien, Afrika sowie in Nordamerika, im sibirischen Eismeer sogar bis rund 2.000 vor Christus. Die Pflanzenfresser lebten in Herden aus Kühen und Jungtieren. Der Mammutbulle, in der Regel ein Einzelgänger, stieß nur zur Paarungszeit zur Herde. Die bis über 3 Meter großen Säugetiere waren die wichtigsten Jagdtiere der damaligen Menschen. Ihr Fleisch diente als Nahrung, die Stoßzähne als Grundgerüst zum Bau von Zelten und ihr Fell wurde für Kleidung und Zeltdächer verwendet. Und während die Knochen als Waffen und Werkzeuge eingesetzt wurden, konnte man die Sehnen als Schnüre verwenden. Mammuts wurden auf der Jagd meist mit Holzspeeren in sumpfigen Gebieten erlegt. In Hattingen fand man 1925 auf dem Gelände der Henrichshütte das 50 Zentimeter lange Bruchstück eines Mammutstoßzahnes. 1961 entdeckten Arbeiter auf dem Gelände des alten Gemeinschaftswerkes an der Isenbergstraße in 50 Zentimetern Tiefe einen 130 Zentimeter langen Stoßzahn einer Mammutkuh.

Als der Horkenstein zum Reschop kam. Foto: Stadtarchiv Hattingen

Als der Horkenstein zum Reschop kam. Foto: Stadtarchiv Hattingen

Opferstein, Kalenderstein oder nur ein Stein?
Er wurde bedichtet, er wurde besungen, er wurde gemalt und er wurde zum Inhalt einer Sage: Der Horkenstein. Bis zu seinem Umzug an die Hattinger Bahnhofstraße 1876 lag der Steinriese in einem Eichenhain auf dem Grotenberg in der damals zum Amt Hattingen gehörenden Gemeinde Linden. 1984 zog er an den Reschop um. Lange wurde der erstmals um 1749 erwähnte Monolith als heidnischer Opferstein mit Blutrinne, als germanischer Kalenderstein oder als Menhir der Jungsteinzeit gedeutet. Heute neigen Experten zu der Einschätzung, dass dieses Naturdenkmal sein Aussehen dem gescheiterten Versuch verdankt, einen großen Stein zu zerkleinern. Als 1982 der VHS-Kursus „Geschichte von Linden-Dahlhausen“ die Stadt Hattingen offiziell bat, den Stein nach Bochum zurück holen zu dürfen, prognostizierte Stadtdirektor Hans-Jürgen Augstein: „Es sieht so als, als ob uns ein Kulturkampf bevorsteht.“ So weit kam es jedoch nicht…

Nun wird es in absehbarer Zeit aber weder eine wissenschaftliche Erforschung der Holthauser Steinkastengräber noch eine Unterschutzstellung des heute noch sichtbaren steinzeitlichen Bestattungsplatzes als Natur- oder Bodendenkmal geben. Vielleicht kann dieses Schlaglicht auf die Zeugnisse der Zeit aber der nimmermüden Kulturdiskussion in Hattingen eine neue Facette hinzufügen: Identifikation muss man nicht unbedingt hinzukaufen, wenn man bestehendes Potential optimal ausschöpften kann.

Die Steinartefakte-Sammlung des Stadtmuseums. Foto: Lars Friedrich

Die Steinartefakte-Sammlung des Stadtmuseums. Foto: Lars Friedrich

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